"Er hatte sie nicht gefunden. Jetzt saß er in seinem Hotelzimmer in Gloucester und überlegte, wie es weitergehen sollte. Draußen am Himmel zogen Möwen ihre Kreise – die großen Möwen, die es in Deutschland nur an der See gibt. Hier war die See auch nicht weit. Er fragte sich, ob sie einmal dort gewesen waren, Monika und Jul, in der Woche, die sie hier verbrachten. 

Er fragte sich, welche der Wege, die er jetzt ging, Monika und Jul vor einem Monat ebenfalls schon gegangen waren. Waren sie in der Innenstadt gewesen, hatten sie sich die Kathedrale angeschaut? Sein Reiseführer belehrte ihn, dass dort zwei englische Könige des Mittelalters begraben lägen, die beide nicht sonderlich erfolgreich regiert hätten. Das passt, dachte er: Die konnten ihr Land nicht regieren und er nicht seine Familie. Und er überlegte, sich in die Gruft dazuzulegen, und nur deren geringe Abmessungen und die Vorstellung, auf ewig mit angewinkelten Beinen dort ausharren zu müssen, hielt ihn zurück ..."

   

Ein Vater sucht seine von der Mutter nach Polen gebrachte Tochter. Er versucht, sie auf gerichtlichem Weg zurückzubekommen und scheitert. Dennoch ist sein Kampf nicht vergeblich: Die Familie und die beiden Kinder, die jetzt getrennt in zwei Ländern leben, nähern sich vorsichtig wieder an.

Erhältlich im Buchhandel und beim Autor, ISBN 9783946312673, ca. 160 Seiten, 14,99 €, E-Book 9,99 €.

Am Anfang steht das universelle Unbehagen des Verlustes: Die Frau und die Tochter sind abgehauen. Die Suche des Vaters nach beiden wird zu gelebtem Trennungsschmerz „on the road“. Denn unserem Protagonisten geht es ein bisschen so wie Travis aus Wim Wenders Film „Paris, Texas“: Ich werde suchen, bis ich sie gefunden habe, vorher kann ich nichts anderes mehr mit meinem Leben anfangen. 

Wir tasten uns tief hinein nach Polen, das für Michael ein geheimnisvolles Nachbarland mit schwieriger Sprache und tief verwurzelten Glauben bleibt. 

Michael wird weder seine Frau zurückgewinnen, noch gelingt es ihm, das Sorgerecht für seine Tochter vor den polnischen Gerichten zu erstreiten, aber sein trotziges Ringen birgt am Ende doch neue Hoffnung, denn er gewinnt den wirklich wichtigen Kampf um seine persönliche Würde. Und schließlich schafft er es sogar, eine neue respektvolle Nähe zwischen sich und Monika zu etablieren. 

Till Müller-Edenborn, Regisseur

Weitere Veröffentlichungen

Die Malerin

Mein Erstling, 1995 bei Sassafras in Krefeld erschienen. Lektoriert von Klaus Ulrich Düsselberg. Erzählungen; ein erster Achtungserfolg. "Das ist gelungene Prosa", urteilte Klaus Matthias Schmidt in der Westdeutschen Zeitung. Und Franjo Terhart schrieb in "Der Kulturraum Niederrhein": "Was an Reinhard Strüven Erzählband sofort fasziniert, ist der Umstand, dass der Autor wirklich zu erzählen weiß und Menschen in Konfliktsituationen treffend zu schildern vermag."

Das weiße Zimmer

Wiederum ein Erzählband, erschienen im Jahr 2000. Vielleicht zu früh? Klaus Matthias Schmidt schrieb: "Und so fällt denn auch zu leicht auf, dass Strüven an so manchen Geschichten vielleicht doch noch länger hätte feilen müssen. (...) Trotzdem ist der Band insgesamt empfehlenswert."

... puhh, nochmal Glück gehabt :)

Die Zeit mit Grazyna

Zwei Jahre später mein nächster Erzählband, in Jürgen Schmidts "SeitenWind"-Verlagsprojekt. Dort erschienen auch zwei schöne Anthologien niederrheinischer Autoren. 

Journalist Friedhelm Schmitz schrieb: "Das Buch gefällt mir noch besser als das vorherige. Die Erzählweise ist knapp, präzise, spannend, die Inhalte sind ausgesprochen packend. Offenbar geht der Autor mit sehr wachen Sinnen durchs Leben."

... Tut er, lieber Herr Schmitz, seien Sie dessen versichert!

Die neue Stadt

Hamburg, meine Traumstadt für lange Zeit - und irgendwie ein bisschen immer noch. Dort Fuß zu fassen, es hat nicht sollen sein, hat aber seinen Niederschlag in diesem Erzählband von 2012 gefunden. Ihr wisst, wo ich das Foto gemacht hab? Vor dem Kunstmuseum, gleich am Hauptbahnhof. Klar, wem sag ich das?
 

Haus der Kunst

Endlich mal einen Roman zu Ende bringen und nicht irgendwann abbrechen: 2016 war es soweit und auch höchste Zeit. Preise abgeräumt hat er nicht, denn dafür war ich 2016 schon zu alt. 

Wusstet ihr, dass die magische Grenze für Preise und Stipendien in sehr vielen Fällen bei 35 Jahren liegt? Also, Künstler, beeilt euch, ... denn: "Die Kunst ist lang und kurz ist unser Leben" (Hippokrates).

Wehmeiers große Fahrt

Noch eine Variante des Hamburg-Themas: Jemand möchte von Krefeld dorthin, kommt aber nie an, sondern scheitert ... in Duisburg. 

"Der kleine Band lebt von den Reminiszenzen an die Heimatstadt und überhöht die Erwartungen an ein neues Leben", schrieb Krefeld-Kenner Heinz Webers. 

So kann man es sagen ...


 

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