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Leseprobe - 1.) Als Letzter verließ Michael den Regionalzug, betrat den Bahnsteig, sah nach, von welchem Gleis sein Intercity fuhr. Noch eine halbe Stunde. Er ging in die Unterführung, in Richtung der Gleise, wo die Fernzüge hielten. In einem Kaffeegeschäft bestellte er einen Kaffee zum Mitnehmen. „Groß oder klein?“ „Groß.“ Er hatte die letzte Nacht kaum geschlafen und hoffte, ein großer Kaffee würde seine Müdigkeit vertreiben. „Welche Sorte?“ Er sah hoch zur Tafel, wo die Sorten „Brasil“, „Venezuela“, „Guatemala“, „Costa Rica“ und „Hausmischung“ aufgeführt waren. Brasil sollte kräftig, Guatemala anregend, Venezuela ausgewogen, Costa Rica mild und die Hausmischung etwas von allem sein. Wie nun beginne ich diesen Tag, fragte er sich: kräftig, anregend, ausgewogen, mild? Er zögerte lange, und das Lächeln des Verkäufers wich einem leicht genervten Gesichtsausdruck. Michael verfolgte, wie er einen Becher unter die große, rote Maschine stellte und einen Knopf drückte, woraufhin der Apparat zischend und mahlend seine Arbeit begann. Seinen fragenden Blick beantwortete der Verkäufer mit einem Fingerzeig auf die Schlange von Kunden, die sich bereits gebildet hatte. „Was bekomme ich jetzt?“ „Hausmischung.“ Er ging zu seinem Gleis, stellte sich dorthin, wo der Speisewagen zum Stehen kommen sollte. Die Sonne schien in die Halle, ein leichter Wind wehte, es war noch kühl. Doch er erinnerte sich an die vergangenen Tage, an denen es drückend heiß geworden war, so dass er tagsüber möglichst wenig unternahm und alle Besorgungen auf den Abend verschob. Auch das ist ein Grund zu gehen, dachte er, im Sommer ist es hier schwül und stickig, im Gegensatz zu Hamburg, wo immer eine frische Brise weht. Wie, fragte er sich, standen seine Chancen? Wie sollte er sich durchsetzen gegen all die einheimischen Bewerber, die sich in der Stadt viel besser auskannten als er? Konnte er da mithalten – er, der bisher erst ein halbes Dutzend Mal in Hamburg zu Besuch gewesen war? Andererseits: Zeugte nicht schon die weite Anfahrt von der Ernsthaftigkeit seiner Absichten? Konnte sich ein Chef da nicht darauf verlassen, dass bei ihm die Arbeit an erster Stelle kam und er sich mit ganzer Kraft einsetzte, weil bei ihm viel mehr auf dem Spiel stand als bei einem Einheimischen? So gesehen, überlegte er, waren die Chancen gar nicht einmal so schlecht. Auf einen Versuch kam es an. Erst danach konnte er sagen, ob ihm die Arbeit tatsächlich all jene Chancen bot, all jene Möglichkeiten eröffnete, von denen er träumte. Nur eine Stunde lang musste er sich Mühe geben, sich präsentieren, eine gleichermaßen entspannte wie konzentrierte Haltung einnehmen, Gesten wählen, die dem Personalchef vermittelten: Ich bin der Richtige! All mein Streben war darauf ausgerichtet, diese eine Stelle zu bekommen. Und er dachte an den Kiez, über den er zur Belohnung nach dem Gespräch bummeln -, an die Shows, von denen er eine besuchen wollte, in Hamburg, wo ihn niemand kannte. Er träumte vom Hafenviertel, von der Nähe zum Rotlicht, das ihn magisch anzog, obwohl es noch nie gehalten hatte, was es versprach. Zu gut erinnerte er sich noch an seine ersten Aufenthalte, erinnerte sich, wie er durch St. Pauli geschlendert war, neugierig, was dort zu finden sei. Die Reeperbahn, die gehöre zu einem Hamburg-Besuch dazu, hatten ihm Freunde gesagt und seine Bedenken, ob er guten Gewissens dort hingehen könne, zerstreut. Doch als er die U-Bahn verließ, war er zunächst enttäuscht: Der vermeintliche Prachtboulevard sah in seinen Augen wie jede x-beliebige Großstadtstraße aus, und die Angebote beschränkten sich auf Pizzerien, Steakhäuser, Cafés und Kneipen, wie man sie überall antrifft. Auch, nachdem er die ersten Sexshops gefunden und zögerlich hineingeschaut hatte, war er nicht gerade angetan, sondern hatte den Eindruck, all das, was er hier fand, auch woanders finden zu können, hier nur in größerer Zahl und mit einem Mythos versehen, der Reeperbahn hieß. Neugierig wurde er, als er eine Lautsprecher-Stimme hörte, die eine Live-Show anpries. Das Wort „Live-Show“ konnte er genau verstehen, doch alles Übrige, was die Stimme sagte, nicht. Er blieb stehen, um herauszufinden, welche Sprache dies sei. Eine mitteleuropäische? Slawische? Lateinamerikanische? Eins war sicher: Deutsch war es nicht, und er fragte sich, wen sie mit dieser Werbung erreichen wollten. Touristen aus vielen Ländern waren hier: Amerikaner, Japaner, Franzosen, Italiener, Skandinavier, nicht zuletzt Besucher aus allen Teilen Deutschlands. Unwahrscheinlich, dass sie nur eine dieser Gruppen meinten. Handelte es sich um ein Tonband, das nicht richtig eingestellt war und deshalb ein so unverständliches Kauderwelsch produzierte? Falls ja, hätte dann nicht auch „Live-Show“ unverständlich klingen müssen? Doch er konnte es gut verstehen, jedes Mal aufs Neue und immer wieder. Vollmundig, beinahe schmatzend wurde es ausgesprochen, dass auch er Lust bekam, sich diese Vorstellung anzusehen. Nur die Furcht vor Unbekanntem, die Angst, über den Tisch gezogen zu werden und mit leerem Portemonnaie wieder nach Hause zu fahren, hielt ihn zurück. Er passierte die nächsten Lokale. Um Einlass warben keine Lautsprecherstimmen, sondern Conférenciers, die – wie er später erfuhr – hier „Anschnaker“ hießen. Äußerst beredte Herren waren es, gekleidet in auffällige Uniformen wie Zirkusdirektoren, die ein Trommelfeuer an Überredungskunst auf die Vorbeigehenden einprasseln ließen, um sie in eines der anrüchigen Geschäfte zu locken. Damit nicht genug, folgten als nächstes Prostituierte, die ihm und den anderen Besuchern jetzt unbefangen ihre Dienste anboten. „Na, Süßer, wie wär’s mit uns zwein?“ Keine Floskel, kein Klischee schien ihnen zu billig. „He, Blondie, bleib doch mal stehn!“ Er machte, dass er weiterkam, doch die nächste Frau begrüßte ihn mit den Worten: „He, Rucksack, wart’ doch mal!“ Jawohl, er trug auf Reisen meist einen Rucksack, doch war er nicht damit einverstanden, in dieser Weise auf nur ein Merkmal reduziert zu werden. Eilig setzte er seinen Weg fort, dass es an Flucht grenzte – ein Spießrutenlauf, denn unzählig viele Huren standen dort, angetreten, die männlichen Besucher des Viertels ins Verderben zu führen. Sie trugen Trainingsanzüge und Sportschuhe, als gehörten sie zu einem Olympia-Team. Er fühlte sich auf merkwürdige Weise unsportlich in ihrer Gegenwart. Er flüchtete in ein Schnellrestaurant, wo er am Fenster Platz nahm. Von dort konnte er das Geschehen auf der Straße gut überblicken. Gleich gegenüber lag eine Polizeistation. Wie, fragte er sich, würde es hier zugehen, sollte einmal keine Ordnungsmacht zugegen sein? Was er sah, es erinnerte an ein surreales Theaterstück, so etwas hatte er noch nicht gesehen, nicht in einer anderen Großstadt und schon gar nicht zu Hause. Die Touristen strömten durch die Straßen wie ein Schwarm von Fischen, von denen die meisten ungeschoren davonkamen, während ein paar im Netz zappeln blieben. Mit neuem Mut verließ er das Restaurant, ging weiter, weil er noch jene abgesperrte und nur Männern zugängliche Straße sehen wollte, die sein Reiseführer als unanständig beschrieb, was ihn, zugegeben, reizte. Dort war das Fotografieren verboten, weshalb er es gerade versuchte. Er machte Bilder, die allesamt nichts wurden, weil er nervös war und seine Hand beim Auslösen der Kamera zitterte. Er machte weitere Entdeckungen, doch erinnerten ihn alle Lichter, die er sah, und alle Stimmen, die er hörte, nur daran, dass er das Rätsel der Live-Show noch immer nicht gelöst hatte. Es ließ ihm keine Ruhe, er ging zurück. Schnell fand er die Tonbandstimme wieder. Unablässig pries sie etwas an, das er noch immer nicht verstand, und mehrmals in der Minute fiel das Wort Live-Show. Darin, dämmerte es ihm, lag die Absicht. Das Unverständliche, es barg das Versprechen in sich, ein Geheimnis zu erfahren, sollte er erst einmal über die Schwelle getreten sein. Vielleicht gab es keine erotische Vorstellung zu sehen, sondern er wurde Zeuge, wie jemand vor staunendem Publikum eine neue Sprache erfand? War das die Show? Live? Er öffnete die Tür, schob einen Vorhang zur Seite. Ein Angestellter kam auf ihn zu: „Hereinspaziert, junger Freund!“ „Ich überlege noch“, sagte Michael und blieb, wo er war: auf der Türschwelle. „Keine Courage, junger Mann?“ Michael drehte sich um und ging eilig fort. 2.) Sein Zug wurde angekündigt, er sah ihn kommen und fühlte, wie die Anspannung in ihm stieg. Sein Herz schlug heftig, seine Handflächen wurden feucht, als wolle sein Körper ihn vor dem, was er vorhatte, warnen. Der Speisewagen rollte vorbei und blieb viel weiter vorne stehen als angezeigt. Michael warf den Kaffeebecher weg, nahm sein Gepäck zur Hand. Türen wurden geöffnet, Reisende stiegen aus, andere ein – jetzt, sagte er sich, wäre es Zeit. Noch ein paar ältere Leute, die länger brauchen, einige Reisende mit viel Gepäck, noch eine Minute bis zur Abfahrt. Doch er rührte sich nicht vom Fleck. Warum dieser Zug, fragte ihn trotzig eine innere Stimme, wenn es auch der nächste sein konnte? Der nächste ... oder der übernächste ... oder ein darauffolgender ... und wenn er den ganzen Tag verstreichen ließe, einen Nachtzug wählte, erst am frühen Morgen da wäre, seine Sachen im Hotel abstellte, duschte und zum Gespräch führe, selbst dann würde die Zeit noch reichen. Zu unterbrechen – keine endgültige Entscheidung, eine Zwischenlösung, jederzeit zu korrigieren, alle zwei Stunden fuhr ein Zug. Menschen kamen in letzter Minute angelaufen, wuchteten Koffer in Waggons, gingen durch den Mittelgang auf der Suche nach einem freien Platz. Hinten auf dem Bahnsteig stand ein Schaffner, vorn ein zweiter, dieser gab das Signal zur Abfahrt genau in dem Moment, als die Sekundenzeiger der Uhren die volle Minute beschlossen. Einen Augenblick länger als nötig blieben sie stehen, als fehlten ihnen Mut und Kraft für eine weitere Runde. 10 Uhr 45. Die Türen fielen ins Schloss. „Das war’s!“, sagte sich Michael. Duisburg, das nur Umsteigebahnhof hatte sein sollen, würde ihn etwas länger als nötig ertragen müssen. Er ging die Treppe zur Unterführung hinunter, ging den Gang entlang, betrachtete die Auslagen der Geschäfte, ließ sich treiben. Vor einer Gaststätte blieb er stehen. Drinnen herrschte Hochbetrieb, Schlagermusik lief, Menschen sangen mit, es erinnerte an rheinischen Karneval: „Wir sind die Champions, olé, olé ...“ Nach Champion sah keiner von denen aus, die am Tresen saßen. „Und dann die Hände zum Himmel ...“ Die Arme reichten gerade bis in die Waagerechte. „Du bist ein Wunder, so wie ein Wunder, ein wunder Punkt in meinem Leben ...“ Für Michael glich es eher einem Wunder, um diese Zeit schon Bier trinken zu können. Er wünschte eine gute Fee herbei, mit einem Kaffee und zwei Ohrstöpseln, eine, die ihm die Hände auf die Schultern legte und sagte, dass all dies nur ein Traum und dass es gleich wieder vorbei sei. Er setzte sich in den Außenbereich der Gaststätte, wo es ruhiger war, bestellte Kaffee und beobachtet die Menschen, die an vorbeigingen: Betrunkene, die ihre Bierflaschen spazieren führten, Obdachlose, die ihre ganze Habe in Einkaufswagen vor sich herschoben, Drogensüchtige, die aussahen, als brauchten sie dringend den nächsten Schuss. Polizisten folgten ihnen, ruhig, gelassen, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Sie schenkten Michael einen prüfenden Blick. Er lächelte zurück hinter seiner Tarnung aus Sakko, Krawatte, Hemd und Reisetrolley, seiner Ausstattung, die er sich eigens für das Bewerbungsgespräch gekauft hatte, die ihn wie einen Geschäftsreisenden, fast schon wie einen Hanseaten aussehen ließ. "Name?" "Bernd Wehmeier." "Was machen Sie hier?" "Geschäfte." "Was für Geschäfte?" "Sag ich nicht." „Wie laufen sie?“ „Wer?“ „Die Geschäfte?“ „Schlecht. Sehr schlecht.“ Natürlich liefen sie gut. Aber das ging niemanden etwas an. Außerdem hatte er gelesen, dass man diese Frage in Hamburg stets mit „schlecht“ bis „sehr schlecht“ beantwortete. Hanseatisches Understatement. Und er war willens und fähig, ein guter Hanseat zu werden. Ein älterer Mann fragte, ob er sich dazusetzen dürfe. Michael zeigte auf die übrigen Tische, von denen viele frei waren. Der Alte sagte, dass er immer hier sitze. Also nickte Michael und hielt die Hand anbietend über den Platz neben sich. Der Alte setzte sich und bestellte ein Bier. „Sehen Sie das Hotel da drüben?“, fragte er nach einer Weile. Michael schüttelte den Kopf. „Dort neben dem Eingang.“ Michael entdeckte einen eher unauffälligen Schriftzug Intercity-Hotel. „Das war früher meins.“ Der Alte suchte in seinen Taschen, bis er eine Visitenkarte fand. „Excelsior hieß es“, sagte er und betonte, dass es sich in der Mitte des Wortes um ein „c“ und nicht um ein „z“ handele. Michael betrachtete die Karte, konnte aber die Schrift nicht entziffern. Das Papier sah aus, als sei es in den Straßendreck und dann in die Waschmaschine geraten. „Dreißig Jahre lang – dreißig lange Jahre.“ „Da haben Sie sich den Ruhestand doch verdient.“ „Sie haben mich rausgeekelt.“ „Wer?“ „Sonst wäre ich heute noch drin.“ Unrasiert war das Gesicht des Fremden, fettig die Haare. An jedem anderen Tag hätte Michael sich abgewandt, nun war er froh, dass ihn überhaupt jemand beachtete. „Morgen ist das Gespräch“, sagte er zu dem Alten im Glauben, ebenfalls von seinen Sorgen erzählen zu dürfen – geteiltes Leid ist halbes Leid. „Eine Aufgabe braucht der Mensch“, sagte der Fremde. „Ich sollte fahren. Warum bin ich feige?“, sagte Michael. „Irgendetwas tun. Nichtstun, das ist nicht gut für den Menschen“, fuhr der andere fort. „Was hätte ich zu verlieren?“, fragte Michael. „Wenn sie mich nicht rausgeekelt hätten ...“ „Ich sollte mir einen Ruck geben und fahren.“ „ ... wäre ich heute noch drin.“ „Es ist noch nicht zu spät.“ „Ich hoffe, dass sie es gut führen ...“ „Alle zwei Stunden fährt ein Zug.“ „ ... mein Excelsior.“ „Vergiss die Zweifel und fahr.“ Der Fremde beugte sich zu ihm und flüsterte beschwörend: „Es war ein gutes Hotel.“ „Die Dinge ändern sich“, sagte Michael. Er nahm den Geruch von muffiger Kleidung und kaltem Tabak wahr und rückte mit dem Stuhl weiter von ihm weg. Der andere seufzte und sagte: „Was sie wohl daraus gemacht haben ...“ „Wer?“ „Meine Söhne.“ „Sprechen Sie nicht mehr mit ihnen?“ „Nein“, sagte er in einem Ton, der jedes Nachfragen verbot. Nach einer Pause fuhr er fort: „Jeden Tag ein Bier. Eins nur. Jeden Tag.“ Michael starrte ihn an. Der Alte sah nicht so aus, als wechsele er nach einem Bier zu Mineralwasser. Mit zittriger Hand führte er sein Glas zum Mund, und kleine Tropfen liefen die Mundwinkel herab. Michael fragte sich, was passieren musste, um so zu enden. Mit etwas Phantasie konnte er sich das Schicksal des anderen ausmalen, und beruhigt stellte er fest, dass bei ihm bisher alles glatt lief und dass in dieser Hinsicht wohl keine Gefahr drohte. Oder? Nein, ganz sicher war er sich nicht. Der Alte brauchte jetzt beide Hände, um das Glas zu halten. Michael stand auf und sagte, dass er weitermüsse. Der Alte hörte es nicht. Michael ging. (...)