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Räumungsklage


Er wählte ihre Nummer. Sie meldete sich nicht, stattdessen sprang das Band ihres Anrufbeantworters an. Er schwieg und fragte sich, ob sie ihn vielleicht am Schweigen erkennen könne? Stand sie neben dem Gerät und wartete ab, wer sich meldete, bevor sie entschied, ob sie antwortete oder nicht? Ihr Stückchen Macht? Sie schrieb den Text auf und las ihn ab, wenn sie eine neue Ansage auf das Band sprach. Natürlich sollten die Worte klingen, fließend sollten sie gesprochen sein, die Wirkung aber war die gegenteilige: Hölzern und unsicher hörte sich ihre Stimme an, als sei es nicht sie, die die Worte sprach, als wünsche sie gar keine Nachricht, allenfalls eine von Ämtern und Behörden, wo die Angestellten ebenso hölzern sprachen. Das Band endete: "Vielen Dank für Ihre Nachricht, das Gerät schaltet jetzt ab."

Vor dem Haus lag Sperrmüll. Er stieg über Bretter und auseinander montierte Möbelstücke, die von Schnäppchenjägern aus dem säuberlich geschichteten Haufen herausgezerrt worden waren. Die Haustür öffnete er in der Gewohnheit unzähliger Wiederholungen, als sei es seine eigene. Er passierte die Briefkästen und sah, dass ihrer voll, dass einige Schriftstücke bereits oben auf die Ablage gestellt worden waren. Er nahm den Stapel, sah ihn durch und sortierte Werbeschreiben heraus. Denselben Vorgang wiederholte er mit der Post im Kasten. Es waren verschiedene Rechnungen, ein Krankenkassenmagazin, ein schmaler Katalog mit Sonderangeboten eines Versandhauses, schließlich ein Brief, den sie an eine Freundin geschrieben und falsch adressiert hatte, der, versehen mit einem breiten Stempel des Zustellers, an sie zurückgegangen war.

Sofort vermutete er, dass sie sich in diesem Brief aussprach, Gedanken und Gefühle einer ihr vertrauten Person mitteilte, einer Freundin, die sie lange nicht gesehen hatte, der sie all das erzählte, was sie ihm nicht sagen konnte. Er prüfte den Umschlag, suchte nach einer Möglichkeit, ihn unbemerkt zu öffnen, den Vertrauensbruch unauffällig zu begehen - rief sich dann aber ins Gedächtnis, dass gerade dieses Verhalten ihre Vorbehalte bestätigt hätte. Ungeöffnet warf er den Brief wieder ein.

Er hörte lautes Klappern und Poltern. Jemand wühlte im Sperrmüll. Eine Ahnung, die ihn bereits beim Betreten des Hauses irritiert hatte, ließ ihn zurückgehen und einen zweiten Blick auf den Haufen werfen. Es waren ihre Möbel. Ihre Gegenstände. Er erkannte alles wieder. Und er sagte zu dem Mann, der sein Fahrrad neben dem Haufen abgestellt hatte und die Sachen auf ihre Brauchbarkeit hin untersuchte, dass er alles liegen lassen und gehen solle. Der andere antwortete nicht, sah nur kurz auf und kramte weiter.

David ging zu ihm, schubste ihn, brüllte ihn an, er solle verschwinden, solle sein Fahrrad nehmen und zusehen, dass er Land gewinne. Nach einem Moment des ungläubigen Staunens kam der Mann seiner Aufforderung nach. Er stieg auf ein altersschwaches Fahrrad, dessen Dynamo summte, ohne dass Licht brannte. Erst als er nicht mehr zu sehen war, wurde David klar, wie er sich verhalten hatte. Erst jetzt rief er sich ins Gedächtnis, dass das Gebaren des anderen eine jener völlig normalen, von Neugierde getriebenen Verhaltensweisen war, der viele, so auch er, manchmal nachgingen. Ihm fiel ein, dass in seiner Wohnung verschiedene Gegenstände waren, die er aus dem Sperrmüll gezogen, gesäubert und wieder tauglich gemacht hatte.

Anstelle von Protest aber erhielt er Applaus: Ein Bewohner des Hauses, der wie ein Hausmeister aussah und ebenso auftrat - David erinnerte sich an ihn, er war ihm öfters im Flur begegnet - zollte ihm Achtung und bemerkte, dass es hier immer schlimmer werde. Was genau er meinte, ließ er offen, David lächelte ihm zu in Gedanken an den harmlosen Sperrmüllsucher, den er wohl für den Stoßtrupp von unweigerlich folgenden Stadtstreichern und Fixern gehalten hatte.

Er erinnerte sich an die Missmutigkeit des selbst ernannten Hausmeisters, an dessen leicht lesbare Gedanken, wenn er an ihm vorbeigegangen war: Hat die Kuschinski schon wieder Herrenbesuch? Eine unverfrorene Person!

Zwischen den Gegenständen sah er Teile ihrer Kücheneckbank, Teile von Hängeschränken, in denen sie Kaffee, Gewürze und Besteck aufbewahrt hatte. Er entdeckte ihren Fernsehschrank, fragte sich, warum sie ihn nicht mitgenommen hatte, er war in tadellosem Zustand. Daneben stand der Rahmen ihres Bettes, Lattenroste und die dazu gehörenden Matratzen. Die Gegenstände waren aufrecht an die Hauswand gelehnt.

Sie hatte alles weggeworfen, es erschien ihm nachvollziehbar und zugleich wie eine Kränkung. Als habe sie den Sperrmüll extra hier und für ihn aufgebaut, damit er darüber stolpern und die Ernsthaftigkeit sehen möge, mit der sie den Schluss-Strich gezogen hatte. Dahinter, zwei Meter Platz einnehmend: ihr Kleiderschrank, in seine Einzelteile zerlegt, diese gegeneinander gestellt. "Simone, du bist dumm, für den hättest du noch hundert Euro bekommen." Er hätte ihn brauchen können, war sich aber bewusst, wohl zu den Letzten zu gehören, den sie in diesen Tagen gefragt hätte.

Sein Blick fiel auf zwei Koffer und mehrere Kartons, die zwischen den Möbelteilen standen. Ein Karton war aufgerissen, Wäsche und Gardinen lagen achtlos herausgezerrt auf dem Gehweg. Ihm wurde beklommen zumute, etwas schnürte ihm die Kehle zu und ließ seine Atmung schneller werden. Er sah, dass sie sich von mehr Dingen getrennt hatte, als es notwendig gewesen wäre, er war sich sicher, dass auch die übrigen Koffer und Kartons persönliche Dinge enthielten. Am selbsternannten Hausmeister, der gerade etwas scheinbar sehr Dringendes an den Briefkästen auszubessern hatte, ging er schnell vorbei, nahm die Treppen, öffnete die Wohnung, drückte die Tür hinter sich ins Schloss. Das Licht funktionierte, der Strom war noch nicht abgestellt. Langsam durchschritt er die Räume. Sie waren zur Hälfte leer, die übrig gebliebenen Gegenstände warteten auf ihren Abtransport. Überall ihr Geruch. Er umgab ihn, nahm von ihm Besitz, knüpfte ein unsichtbares Band, stellte eine Verbindung her zur Vergangenheit - er veränderte seine Wahrnehmung, erstickte jeden Ansatz von Verbitterung und Zorn im Keim.

Einige Haushaltsgegenstände waren in Kisten gepackt, andere lagen herum. Das Schlafzimmer war leer. Im Wohnzimmer standen ihre Couchgarnitur, eine Kommode, der Fernseher und, zur Hälfte ausgeräumt, ein Bücherregal. Der Fernseher war auf den Boden gestellt und vorn mit Büchern abgestützt, dass sich der richtige Winkel ergab, um von der Couch aus fernsehen zu können. Er schaltete den Apparat ein, ging umher und wunderte sich über den hallenden Klang in den Räumen, die jetzt doppelt so groß wirkten wie zuvor. Sie hätten ebenso gut jemandem gehören können, der gerade einzog.

"Und wenn ich die Wohnung miete? Simone, würdest du mir das erlauben? Mich als Nachmieter vorschlagen? Wie kannst du es zulassen, unsere Erinnerung an einen Dritten weiterzugeben, an jemanden, der tapeziert, einen neuen Teppich verlegt und alles unternimmt, um auch den letzten Rest des Vergangenen zum Verschwinden zu bringen? Jemand, der imstande ist, eine Zeitspanne von zwei Jahren in nur wenigen Tagen für ungültig zu erklären, einzig aus dem Grund, weil er einen lächerlichen Fetzen Papier, Mietvertrag genannt, unterschrieben hat."

Was im Fernsehen lief, interessierte ihn nicht. Teilnahmslos saß er auf der Couch und versuchte sich sein eigenes Bild zu machen, versuchte sich Simone vorzustellen, wie sie in die Küche ging, Kaffee bereitete, wie sie mit noch nassen Haaren aus dem Bad kam, wie sie die Wohnung verließ und zu ihm sagte, sie käme gleich wieder.

Er versuchte sich vorzustellen, wie sie mit ihm schlief, versuchte sich die verschiedenen Plätze in der Wohnung in Erinnerung zu rufen, an denen sie miteinander geschlafen hatten. Am besten war es auf der Couch gewesen, genau dort, wo er jetzt saß. Vielleicht hatte es am langweiligen Fernsehprogramm gelegen, vielleicht daran, dass es hier nicht geplant, nicht vorhergesehen war.

In einem nahe gelegenen Imbiss kaufte er eine Gyros Pita, ging zurück, zog einen der Koffer aus dem Haufen und nahm ihn mit nach oben. Er aß und versuchte, nachdem er keinen Schlüssel gefunden hatte, die Schlösser aufzubrechen. Sie leisteten erheblichen Widerstand. Was er fand, waren Schallplatten, Zeitschriften, geleerte Aktenordner und Bücher.

"Es darf nicht wahr sein!", fluchte er und räumte die Bücher - viele darunter, die er Simone geschenkt hatte - in den leeren Teil des Regals zurück. "Eine Bevormundung, sicher, aber eine notwendige", sagte er in Gedanken zu ihr. Ein weiteres Mal ging er nach unten, um den anderen Koffer und den zweiten Karton zu holen. Wieder fand er Hefte und Bücher, außerdem zwei zur Hälfte leere Fotoalben und mehrere Klarsichthüllen. Er folgerte, dass sie manche der Bilder, die in ihrer gemeinsamen Zeit entstanden waren, herausgetrennt und mitgenommen hatte, ebenso einige seiner Briefe, während anderes, das ihr nicht viel bedeutete, dageblieben war. Er folgerte, dass sie sich ausschließlich an die gute Zeit erinnern wollte. Sie hatte die Essenz, das Wesentliche der Beziehung genommen, den Rest beiseite geschoben und dem Vergessen anheim gestellt.

"Aber das funktioniert nicht!", hielt er ihr vor. So gut es ihm möglich war, ordnete er die Gegenstände und legte sie neben das Regal auf den Boden. Einen Teil räumte er in die Fächer der Kommode zurück, räumte auf, sortierte alles, erinnerte sich an Simones Ordnungsliebe, erinnerte sich, dass ihr das Chaos in seiner Wohnung nie gefallen hatte, wollte ihr beweisen, dass er ebenfalls etwas von Haushaltsführung verstand.

Er nahm zwei Teile des Kleiderschranks und trug sie nach oben. Weitere Male ging er auf die Straße, bis er alle Teile des Schranks wieder in der Wohnung hatte. Er wunderte sich, dass der wachsame Nachbar nicht mehr im Hausflur war. Die Wände baute er zusammen und legte die Zwischenböden, von denen zwei fehlten und nicht mehr aufzufinden waren, wieder ein. Mit einem angefeuchteten Küchentuch wischte er das Holz sauber und sortierte ihre verbliebene Kleidung zurück in die Fächer. Er versuchte zusammenzufügen, was sich noch verbinden ließ. Den kleinen Fernsehschrank zum Beispiel. Oder das Bett. Oder die übrigen Teile, die noch herumlagen, all die Kleinigkeiten, die er nur deshalb zurückbrachte, weil er den Gehweg sauber hinterlassen wollte.

Im Treppenhaus traf er Nachbarn, die ihn zwar befremdet ansahen, jedoch die Notwenigkeit seiner Arbeit nicht in Frage stellten.

"Ganz schön schwer, was?"

"Kann man wohl sagen."

Dann war alles wieder in der Wohnung - und er zu müde und erschöpft, um weitere Gegenstände aufzubauen. Er beschränkte sich darauf, die Matratzen auf ihre Sauberkeit hin zu prüfen, eine von beiden ins Schlafzimmer zu bringen und in Ermangelung eines Lakens mit Simones Kleidung auszulegen. Er ließ Badewasser ein, legte sich in die Wanne und stellte sich vor, dass die Wärme, die ihn umgab, ihre Wärme sei (…)