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Wir, die anderen


Ich hatte mich in der Hierarchie der Clique verbessert. Mich nach oben gearbeitet. Vom vielleicht fünften auf den vierten Platz. Ein einziges Dribbelsolo und ein Torschuss hatten dafür ausgereicht. Das war mir noch nie gelungen: An vier Spielern vorbei und dann ein Tor. Ich setzte mich an die Böschung, die das Spielfeld begrenzte und zog meine Fußballschuhe aus. Alexander und Ralf, die die Plätze eins und zwei in der Clique hielten, setzten sich neben mich.

“Kommst du noch mit zur Bude?”, fragte Alexander, ich verneinte. Ich müsse meinem Vater im Garten helfen. Vielleicht käme ich nach. “Also dann”, sagte Ralf, und er und Alexander gingen zur Bude, die in der Mitte des Platzes stand. Eine windschiefe Hütte, die wir selbst zusammengenagelt, mit einem Dach aus Holzplatten und Plastikfolie versehen und mit Matratzen ausgelegt hatten. Die Einrichtung bestand im Wesentlichen aus einem Kassettenrecorder und Sweet- und Kiss-Postern, die eine Tapete ersetzten.

Wohl fühlte ich mich dort nicht. Es roch muffig, die Matratzen waren immer ein wenig klamm, die Gespräche, zu denen ich noch nicht viel beitragen konnte, drehten sich um Mädchen. Alexander und Ralf hatten schon Mädchen mit in die Bude genommen. Sie grinsten sich an, wenn sie davon erzählten.

Sie ließen den Rekorder laufen, redeten und sahen durch die Ritzen zwischen den Brettern hindurch auf den Platz, ob jemand käme. Sie rauchten. Sie rauchten richtig. Ich paffte; nach meinem ersten Lungenzug war mir schlecht geworden, und ein Paffer würde nie zu den Anführern der Gruppe gehören.

In der Rangliste folgten Werner und Martin. Werner wegen seiner Rücksichtslosigkeit. Er hatte etwas Brutales im Gesicht. Er ließ sich nichts sagen. Man konnte nie sicher sein, wie er reagierte; manchmal brach er einen Streit vom Zaun, schnappte sich einen der Jungen, drehte ihn auf den Rücken, setzte sich auf ihn, drückte ihm seine Knie in die Arme und ließ ihm Sand ins Gesicht rieseln. Mit allen außer Alexander und Ralf hatte er das schon gemacht.

Martin war zwar schmächtig, doch er verstand es, sich mit Worten zu wehren. Es ließ sich ebenfalls nichts sagen; er behauptete seine Position dank seiner verbalen Schlagfertigkeit. Außerdem rauchte er filterlose Zigaretten auf Lunge – zwei Gründe, die ihm Akzeptanz verschafften.

Ein paar andere gab es noch, die nicht zum festen Kern der Gruppe zählten, die zu jung waren oder noch nicht lange genug in der Gegend wohnten und deshalb nicht in die Hütte durften. Während Alexander und Ralf in diese Richtung gingen und Werner und Martin ihnen folgten, zerstreuten sie sich in alle Richtungen, gingen zurück in die Wohnungen ihrer Eltern, zurück in ihre Zimmer.

Ich weiß nicht, warum mich Alexander und Ralf akzeptierten, warum sie mich sogar gegen Werner und Martin verteidigten, die mich beide nicht leiden konnten.

Martin, weil ich ihm widersprach, weil ich keinen Hehl daraus machte, dass ich von seinen Sprüchen nichts hielt. Werner, weil er mir die Schuld gab, einmal von Alexander und Ralf verdroschen worden zu sein.

Er hatte mich als Opfer für sein Spiel ausgesucht. Ich lag unter ihm auf dem Rücken wie ein aufgespannter Schmetterling; langsam und vor Freude glucksend ließ er Sand durch seine Finger in mein Gesicht rieseln, als Alexander und Ralf vorbeikamen. Sie nahmen ihn sich vor. Seitdem hatte er sein Spiel mit mir nicht mehr gemacht, und dass er es nicht mehr machen konnte, daran war in seinen Augen ich schuld.

Der Platz war leer. Ich saß allein an der Böschung. Ich zog meine Turnschuhe an, knotete die Schnürsenkel der Fußballschuhe zusammen, hängte sie über die Schulter und ging zurück zu unserem Haus. Ging über eine Rasenfläche an zwei Wohnhäusern vorbei, zwei Häusern, in denen die meisten, die der Clique angehörten, lebten. Dreistöckige Häuser mit je zwei Eingängen, mit identischen Vierzimmerwohnungen, Bädern, Küchen, Fluren, Balkonen.

Unser Haus befand sich auf der anderen Seite der Straße. Neben unserem stand jenes, in dem Jutta wohnte. Sie spielte auf dem Bürgersteig – sie hielt mich davon ab, zu meinem Vater in den Garten zu gehen. Bestimmt ging es ums Rasenmähen. Ich ließ mich nur zu gerne abhalten.

Ich sah Jutta nicht als Mädchen, sondern als irgendwie anders gearteten Spielkameraden an. Man musste mit ihr anders reden als mit den Jungs, und sie verhielt sich anders. Zum Beispiel war sie ständig beleidigt; ein falsches Wort genügte, und sie drehte sich um und schwieg. Sie war die einzige, bei der ich mich ständig entschuldigte und sagte, ich habe es nicht so gemeint.

Doch sie verstand es, mich neugierig zu machen. Sie wartete, bis ich bei ihr war und fragte, ob ich mit zu den Automaten käme. “Zigarettenautomaten?”, fragte ich. “Nein, Kaugummis”, antwortete sie. Sie streckte mir ihre Hand entgegen, hielt sie zuerst geschlossen, öffnete sie dann langsam und zeigte mir einen Haufen Zehnpfennigstücke. “Es sind zehn”, sagte sie. Die Hälfte davon sei für mich, wenn sie sich dafür das schönste Stück, dass ich aus dem Automaten zog, aussuchen dürfte. Ich willigte ein.

Ich ging mit ihr am Haus meiner Eltern vorbei, schielte nach links, um zu erkennen, ob meine Mutter hinter den Gardinen in der Küche stand. Ich sah sie nicht.

Wir gingen den Bürgersteig entlang, passierten das Haus, in dem Alexander mit seinen Großeltern wohnte. Seine Eltern lebten woanders, oder sie lebten nicht mehr – er erzählte nicht davon. Seinen Großvater kannten wir nicht, er blieb, so erzählte Alexander, immer zuhause. Seine Großmutter trug, wenn sie mit dem Bus in die Stadt fuhr, einen voluminösen Pelz. Sie wirkte wie eine Gestalt aus einer anderen Zeit.

Alexander ließ nichts auf sie kommen. Wir durften von ihr nur mit Ehrfurcht sprechen, am besten gar nicht. Martin, der sie einmal als komische alte Hexe bezeichnet hatte, war dafür mit zwei blauen Augen belohnt worden. Alexander war völlig ausgerastet. Auch Ralf, dem er sonst alles verzieh, hielt sich zurück.

Die Kaugummiautomaten waren in niedriger Höhe an einer Mauer angebracht. Ein Automat für Zehnpfennig-, einer für Markstücke. Für uns kam nur der für Zehnpfennigstücke in Betracht.

Jutta ließ Münze für Münze in meine Hand fallen. Eins, zwei, drei, vier, fünf. “Noch eine”, forderte ich. “Du spinnst”, antwortete sie. Sie begann. Sie drückte eines der Geldstücke in die schmale Öffnung und drehte den metallenen Knopf einmal herum. Sie hielt ihre Hand unter die Ausgabeöffnung, hob die Klappe, wartete, bis alle Kaugummis herausgefallen waren. Vier Stück. Vier kleine, runde, bunte Kugeln. Sie fühlte nach, ob ein Kaugummi zurückgeblieben war. “Jetzt du”, sagte sie.

Ich wiederholte die Handgriffe, die sie gemacht hatte, etwas schneller, energischer, nur beim Drehen ließ ich mir Zeit. Ich gehörte zu denen, die den Griff langsam herumdrehten, in der Hoffung, ein unsichtbares Ventil im Innern der Mechanik möge dann länger geöffnet bleiben. Allerdings konnte ich meine These weder theoretisch noch praktisch belegen. Drei Stück. Nicht zum ersten Mal fühlte ich mich von dem Apparat angeschmiert. Jutta warf eine zweite Münze ein. Zwei Kaugummis und ein Schlüsselanhänger. Sie strahlte. “Na?”, sagte sie und hielt das in Plastik eingeschweißte Starfoto hoch. Zu sehen war der Kopf von einem der Kiss-Sänger. Martialisch geschminkt, die Zunge herausgestreckt.

Sie mochte Kiss nicht. Sie fühlte sich auch nicht angespornt, so viel Geld einzuwerfen, bis die Serie von Starfotos komplett war; sie freute sich allein deshalb, weil sie etwas Besonderes erwischt hatte und ich nicht. Die Kaugummis spielten keine Rolle. Eins zu null lag sie nach Punkten vorn. Mit meinen fünf Groschen konnte ich sie kaum noch überholen – man sah nur wenige besondere Stücke, wenn man durch das Glas ins Innere des Magazins blickte. Münze um Münze wanderte in den Apparat, und der Haufen klebriger Kaugummis in unseren Händen wuchs. Mindestens vier dieser Kugeln musste man im Mund zerkauen, um eine einigermaßen vernünftige Blase zustande zu bringen.

Als ich die vierte und vorletzte meiner Münzen in den Schlitz steckte und langsam den Knopf herumdrehte, hörte ich bereits am Klang, dass nicht nur Kaugummis gefallen waren. “Mach schon”, forderte Jutta. Ich zögerte. “Eins zu eins?”, fragte ich. “Erst sehen”, verlangte sie. Es war ein Feuerzeug. Ich hatte noch nie eins besessen und sah an Juttas glänzenden Augen, dass dieser Umstand auch auf sie zutraf. Feuerzeug. Synonym für Erwachsenenwelt. Rauchen. Stark sein. Dazu gehören. Jutta wollte es haben. “Es war abgemacht”, erinnerte sie, aber ich schwieg und schloss die Hand fest um den kleinen Gegenstand.

“Ich spiele nie wieder mit dir”, drohte sie. “Spielen...”, bemerkte ich abfällig. Mein Trotz war grenzenlos und die Zeit des Spielens ab heute vorbei (…)