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Haus der Kunst, Roman. Textauszug:

Nun aber wollte er mit dem beginnen, weshalb er hierhergekommen war: schreiben, die Geschichte fortführen, mit der er das Stipendium gewonnen hatte.
Die Erzählung handelte von einem Mann, der seine Ex wiedertrifft und merkt, dass er über die Trennung noch nicht hinweg ist. Ungute Erinnerungen steigen in ihm auf; wegen ihr ist er weggezogen, weil er ihre Nähe und all die gemeinsamen Erinnerungen nicht mehr ertragen konnte, und nun, da sie sich im Bahnhof seiner neuen Heimatstadt begegnen, ist es für ihn so, als sei sein Umzug, seine Flucht für ungültig erklärt worden. Hatte in ihrer Beziehung auch nicht viel gestimmt, im Bett war es gut gewesen, und er weiß, dass er wieder mit ihr schlafen will, weiß, dass es passieren wird, und die Verwirrung, in die ihn dieses Abenteuer stürzt, er ahnt sie schon, doch er blendet sie aus. Sie verbringen die Nacht zusammen, sie fährt einen Tag später weiter als geplant, und im Bahnhof, wo er sie getroffen hat, spielt auch die Abschiedsszene.
Um das Stipendium zu bekommen, hatte er ein Exposé verfasst, hatte von einem Roman geschrieben und dass der Text ein Auszug daraus sei. Dass er gerade an der Beendigung des Projekts arbeite, hatte er geschrieben, und dass er sich einen geschützten Platz, einen Rückzugsort wünsche, wo er dem Text einen letzten Schliff geben und alles zu einem guten Ende bringen könne. Offenbar hatte das die Jury – gab es außer Henry eigentlich noch weitere Mitglieder? – überzeugt, sonst wäre er jetzt nicht hier.
Das Problem: Den längeren Text gab es nicht, das Exposé war eine Lüge – und er weit davon entfernt, einen Roman zu Ende zu bringen. Er wusste selbst nicht genau, wie sich das mit seinem Vorhaben vertrug, eine Existenz als Schriftsteller zu gründen, wo ihm doch alle Welt erzählte, es brauche dafür Romane; er hoffte, dass sich diese und weitere Fragen in langen Strandspaziergängen klärten und ihm der Stoff, der ihm noch fehlte, endlich einfiel.
Die Story, er hatte sie in einem Rutsch niedergeschrieben, zwanzig Seiten, ein Rausch, unterstützt von Kaffee, Zigaretten und Schokolade, er hatte sich leergeschrieben, hatte die zwanzig Seiten aus sich herausgepresst. Das Ergebnis stellte ihn zufrieden, weil es aus einem Guss entstanden war, und es war vor allem eines: fertig. Vielleicht gelang es ihm, den Text fortzuführen – irgendwie konnte man alles fortführen, eine Fleißarbeit –, aber wie sollte er wieder genau diesen Ton treffen, wie ihn fortführen und viele weitere Seiten lang durchhalten?

Er stand vom Schreibtisch auf, setzte sich wieder hin. Er bereitete einen Kaffee, wenig später einen zweiten, überlegte, ob es mit Zigaretten besser ginge. Zigaretten erhöhten das Denkvermögen, kurzfristig zumindest, hatte er gelesen. Er hätte es bestätigen können, in der Zeit, in der er selber jeden Tag eine Schachtel leerrauchte, und wenn er abends ausging auch zwei, in der sich eine gelungene Geschichte vor allem durch drei Merkmale auszeichnete: einen Stapel vollgeschriebener Blätter, eine leere Kaffeekanne und einen vollen Aschenbecher.
Er hatte es gemocht, dieses ekstatische Schreiben, diese aus einem Schwung niedergeschriebenen Erzählungen, die entweder gelungen waren oder völlig daneben lagen, für die Ewigkeit oder den Papierkorb. Er mochte diesen Zustand, wenn er sich verausgabt hatte und ein leichtes Zittern ihn darauf hinwies, dass er seit Stunden nicht gegessen hatte und dass es im Übrigen nicht gesund war, was er da trieb. Er beruhigte, betäubte das unangenehme Gefühl mit Bier oder Wein, setzte den Höhenflug in seiner Stammkneipe fort, bis er selbst daran glaubte, ein Held zu sein – oder eine Niete, je nachdem, wie ihm seine Geschichte gelungen war, und manchmal hätte er selbst nicht zu entscheiden gewusst, was von beidem zutraf.
Nun wünschte er die Zigaretten wieder herbei, sagte sich, dass es besser gewesen wäre zu reduzieren statt aufzuhören, sich zumindest die Zigaretten beim Schreiben nicht zu verbieten, jene, die er brauchte, damit die Gedanken in Bewegung kamen und er die Welt und alles, was sie von ihm wollte, mit einer Wand aus Tabakrauch von sich fernhalten konnte. Er sagte sich, dass es besser gewesen wäre, ein Genuss- und Arbeitsraucher zu bleiben, ein Kurzprosaraucher gewissermaßen, der auf die Einheit von Erzählung, Kaffee und Zigaretten vertraute – ein Akkord klingt nicht mit zwei Tönen. Gute Geschichten schreiben, ohne sich zu verschleißen und Raubbau an der Gesundheit zu treiben, ging das überhaupt?
Ein Roman also. So viele Zigaretten am Stück konnte niemand rauchen, so viel Kaffee niemand trinken. Der Literaturmarkt verlange nach Romanen, alles andere verkaufe sich nicht, so hatte man es ihm gesagt, so las er es in Fachzeitschriften, hörte es auf Fortbildungen. Wollte er Schriftsteller sein, wollte er vom Schreiben leben, musste er Romane produzieren. Der Literaturmarkt interessierte sich nicht für Erzählungen, jedenfalls nicht für seine. Es interessierte auch niemanden, dass er Wettbewerbe gewonnen und in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht hatte, dass seine Erzählungen offenbar also etwas taugten. Romane sollten, mussten es sein.
Er machte sich das Schreiben zur Pflicht, versuchte, jeden Tag ein bestimmtes Pensum zu schaffen, professionell zu arbeiten wie ein Unternehmer. Andere schafften das doch auch, sagte er sich, andere setzten sich jeden Morgen hin und füllten eine bestimmte Zahl von Seiten, und füllten sie sie nicht, arbeiteten sie den Rückstand am nächsten Tag nach. Andere setzten sich einen Abgabetermin, setzten sich Etappenziele, arbeiteten in Zeitfenstern, die sie sich selbst vorgaben – was nicht ganz abwegig war, hatten Vermieter, Stadtwerke, Telefongesellschaften doch ebenfalls ihre Zeitfenster und schickten Rechnungen und Mahnungen in schöner Regelmäßigkeit. Es wäre nur folgerichtig gewesen, hätte er seine Produktion dem Markt angepasst, doch am Schreibtisch zu sitzen und nichts zu schaffen, war in diesem Markt nicht vorgesehen, eine Auszeit stand ihm – der seinen Job gekündigt und beschlossen hatte, Schriftsteller zu sein – nicht zu.
Andere ließen sich nicht abschrecken von einem leeren Blatt, sondern besuchten Kurse, in denen sie lernten, wie man diese Knoten zerschlug – wenn solche Probleme überhaupt in solchen Kursen behandelt wurden. Schließlich gab es Wichtigeres zu tun, z.B. Setting und Plot und Spannungsbogen zu entwerfen; das Zögern vor dem weißen Blatt etwas für Anfänger, die selbst in den Anfängerkursen nicht aufgepasst hatten. Auch er hatte Kurse besucht, aber er hätte in diesem Moment nicht einmal genau zu sagen gewusst, was ein Plot war: die Auflösung des Konflikts am Schluss oder die Konstruktion der Geschichte, die sich durch die gesamte Handlung zog? Vor kurzem hatte er von „Plot-Twists“ gelesen. Erklärt wurde der Begriff nicht, offenbar wussten es alle, nur er nicht. Doch gleich, was es war, verwendet hatte er es noch nicht, dessen war er sicher. Oder? Vielleicht unwissentlich, zufällig? Unwissenheit schützt vor Strafe nicht und Schreiben nicht vor Plot-Twists.
Eine Lektorin hatte ihm geschrieben, sie bevorzuge Storys, die Plot-driven seien. Was konnte er ihr schicken, hatte er Geschichten, die diesem Kriterium entsprachen? Sollte er, sollten die Autoren nicht ganz auf Englisch umstellen, angesichts der vielen Anglizismen, die in diesen Beruf Einzug hielten? Und „fesselnden Content“, „packende Pageturner“ mit ausreichend „Cliffhangern“ produzieren? Vermutlich wusste jeder Laie, der einen Englisch-Grundkurs besucht hatte, mehr über Pageturner und Plots als er.
Er, der Schriftsteller, der in den Buchhandlungen belletristische Neuerscheinungen suchte und bei den Peanuts hängenblieb, der sich wiedererkannte in Szenen, in denen sich Snoopy als Schriftsteller versucht, jener zum Beispiel, in der er zum Briefkasten vor dem Haus geht, zu einem dieser dickbauchigen amerikanischen Briefkästen, und einen Verlagsbrief herauszieht: „Sehr geehrter Schriftsteller. Vielen Dank für ihr Manuskript. Vermutlich liegt für Sie im Schreiben eine große Zukunft“ –, nächstes Bild, Snoopy liegt auf dem Dach seiner Hundehütte, wie er immer dort liegt und hält den Brief in die Luft: „... zum Beispiel im Adressenschreiben.“
Er fragte sich, wie viele Verlagsanschreiben Charles M. Schulz verschickt haben mochte und wie viele Absagen er erhalten hatte, bevor er der Hochliteratur abschwor und sich Comics zuwandte, fragte sich, ob es für ihn nicht das Beste wäre, es ebenso zu halten.
Er musste zugeben, dass ihn die Peanuts vermutlich mehr beeinflusst hatten als alle wichtigen historischen und zeitgenössischen Schriftsteller zusammen. Zuletzt hatte er sich vergeblich an Kafkas „Der Prozeß“ und Rilkes „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ versucht, hatte beide Bücher nicht zu Ende geschafft, trotz des festen Vorsatzes, diesmal nicht nach einem Drittel oder der Hälfte aufzugeben.
Erst legte erst Kafka, dann Rilke beiseite, blätterte lieber noch einmal in den alten orangenen, quadratischen Peanuts-Büchern, in seinen Lieblingsszenen, zum Beispiel jener, in der Charlie Brown für Spike – Snoopys schnurrbärtigen, fernsehsüchtigen, mit einem Schlapphut bekleideten Bruder – ein Zuhause sucht. Ein Nachbarskind streckt den Kopf aus der Tür und fragt: „Ist er bissig?“ Spike wendet den Blick ab, während Charlie Brown zögerlich antwortet: „Er kann es werden, wenn er im dritten Satz vorne liegt.“ Natürlich wird es nichts mit dem neuen Zuhause für Spike, und in den folgenden Szenen steht dieser trampend am Straßenrand, während hinter ihm der Fernseher, von dem er sich nie trennt, läuft und eine Sprechblase heraustönt: „Ah, Marshall Dillon!“

Das einzige, was er kultivierte, war der Lebenswandel des Schriftstellers: lange schlafen, den Tag im Café beginnen, mit einem kleinen Frühstück und Tageszeitungen, Nachrichten, Feuilletons, Debatten über Bücher und dem Traum, dort einmal Rezensionen über sein Buch zu lesen. Er stellte sich vor, wie die Leute an den Nebentischen sein Bild in der Zeitung entdeckten und verstohlen zu ihm herübergafften, und verstohlen gaffte er zurück, studierte die anderen, weil er Protagonisten, Typen, Charaktere für neue Geschichten brauchte.
Gleichermaßen genervt und geschmeichelt wäre er von den Blicken, doch wie schnell würde er sich daran gewöhnt haben, und wie schwer wäre es, wieder darauf zu verzichten! Rohmaterial wäre es, das er in den Cafés sammelte, um zuhause daraus etwas Neues zu formen, und wenn er oft genug ins Café ginge und genug Rohmaterial zusammen hätte, dann würde auch eine Geschichte dabei herauskommen, die den Titel „Roman“ verdiente. Mochten die Leute in den Cafés anfangs auch irritiert sein, irgendwann wären sie stolz, in seinen Büchern erwähnt und von ihm, dem Autor, aus dem Einerlei des Alltags herausgehoben zu werden. Die aufmerksamen unter seinen Lesern würden sich wiedererkennen, und sie würden herüberblinzeln im Café, mit dem Anflug eines Lächelns. Manche würden sich bewusst auffällig benehmen, damit er sie erwähnte, aber darauf fiele er natürlich nicht herein. Er würde das Café verlassen und auf dem Weg nach Hause das kaufen, was er für seine Arbeit benötigte: Papier, Stifte, Datenträger, Druckerpatrone, Versandtaschen, Briefmarken, Süßigkeiten, Traubenzucker, Kaffee, Tee und manchmal, als Nachbrenner gewissermaßen, etwas Alkohol. Derart ausgerüstet, würde ihn sein Weg gleich an den Schreibtisch führen, und den ersten, sich hämisch lachend ankündigenden Schreibblockaden würde er mit starkem Kaffee und dunkler Schokolade leichtfüßig tänzelnd aus dem Wege gehen. Die Abende dann würde er in immer derselben Kaschemme verbringen, würde sich wild genug benehmen, dass es dem Wirt zum Rausschmiss und Biografen zur Legendenbildung taugte, und seine vier „S“ des gelungenen Romans hießen Schlafen, Schreiben, Sex und Saufen.
Das mit dem Schlafen und Saufen klappte schon ganz gut, das mit dem Sex hin und wieder, nur das wichtigste Element, das Schreiben, kam zu kurz. Nicht viel fehlte, und er hätte alles hingeschmissen, doch auch zu diesem Schritt – und ein der Eitelkeit abschwörender und nichts mehr produzierender Literat, das konnte ja eine Haltung sein – rang er sich nicht durch. So inkonsequent er lange Zeit mit dem Rauchen gewesen war, so zwiespältig blieb sein Verhältnis zum Schreiben. Hatte er, um endlich Nichtraucher zu sein, häufig alle Rauchutensilien über Baustellenzäune geworfen und war tags darauf auf die Baustellen geklettert, um sie wieder einzusammeln, so klebte er nun die Seiten wieder zusammen, die er zuvor zerrissen hatte.
Es half auch nichts, halbfertige Manuskripte, Stifte, Lieblingskaffeetasse, Blöcke und all das, was ihn an seine unglückliche Leidenschaft erinnerte, in die hintersten Ecken und untersten Schubladen seiner Wohnung zu verbannen und ihrem Gebrauch für alle Zeiten abzuschwören, wenn er sie einen Tag später wieder hervorzog und einen weiteren vergeblichen Versuch unternahm, die leer gebliebenen Seiten zu füllen.
Eine Schreibblockade war ein hartnäckiges Ding, vergleichbar einem falsch geplanten Fundament, und alles, was er darauf setzte, wurde schief. Nun stand er mit dem Hammer davor und versuchte Stücke aus dem Beton zu brechen, doch es wollte ihm nicht gelingen –, es hätte eines Sprengstoffs gebraucht und eines lauten ohrenbetäubenden Knalls, um all die misslungenen, halbherzigen, halbfertigen Versuche hinwegzufegen.
Wenn er jetzt durch die Stadt lief und seine Gedanken wieder und vergeblich um den Beginn und – was auch immer das war – Plot eines Romans kreisten, dann glaubte er, kurz vor einem Amoklauf zu stehen; es bedurfte nur noch eines geringen Auslösers, eines falschen Kommentars, einer blöden Bemerkung –, und hätte ihn jemand abfällig „Schreiberling“ oder nur mit ironischem Unterton „Dichter“ genannt, er wäre ihm an die Gurgel gesprungen.
Doch niemand rempelte ihn an, niemand sagte das Falsche; er blieb allein mit seinem Frust, kein Ventil verschaffte ihm Luft, keine Flucht Erleichterung. An Buchhandlungen und Schreibwarengeschäften vorbeizugehen wurde zur Qual, ähnlich wie es ein Alkoholiker empfinden mochte, der gute Vorsätze gefasst hatte und nun an den üppigen Getränkeauslagen der Kioske vorbei musste.
„Du wirst es nie in unsere Reihen schaffen, vergiss es“, lachten ihn die Autoren auf den Reklamepostern in den Buchhandlungen aus – jene Autoren, die es geschafft hatten. Was machten sie richtig und er falsch?
„Das sagen wir dir nicht“, lachten sie weiter, und er sah sich schon nach Pflastersteinen um, mit denen er die Schaufenster hätte einschlagen können. Natürlich nur gedanklich. Schriftsteller leben ihre Aggressionen gedanklich aus und selten tatsächlich, und wenn, dann richten sie die Wut gegen sich selbst.
In den Schreibwarengeschäften, da lagen sie, all die hochwertigen Füllfederhalter, Papierbögen, ledernen Schreibmappen, die auf die wahren Schriftsteller warteten und denen er sich nicht gewachsen fühlte. Ein Montblanc in der Hand von jemandem, der nichts zu sagen wusste, nichts mitzuteilen hatte, es war kein Fehler, es war eine Sünde.