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Portrait einer Russin


Es war damals, noch vor dem Fall des eisernen Vorhangs. Meine russischen Freunde waren mir alles andere als geheuer, und ich war froh, wieder im Intourist-Bus zu sitzen, zurück zum Pulkovo-Flughafen außerhalb der Stadt. Noch einmal drehte ich mich um, sah Sergej, Arthur und Gregor nach, sah zu meinem Erschrecken, dass sie die Hände nach amerikanischer Manier abklatschten. Eine Fälschung, schoss es mir durch den Kopf, diese Hunde haben mir eine Fälschung angedreht.

Ich fühlte Zorn, den Wunsch umzukehren, alles rückgängig zu machen, ihnen die Leinwand ins Gesicht zu schleudern, mein Geld zurückzufordern, ihnen eine Entschuldigung abzupressen. Sie und ihre falschen Versprechen! Doch ich wurde ungerecht, und meine Courage war nur eine gedankliche.

Die Straße führte an den historischen Gebäuden der Innenstadt vorbei nach Süden, vorbei an den Wohnsilos der Vorstädte, wo sich einzelne Wohnungen ausnahmen wie Streichholzschachteln; die Straßen wurden breiter und die brachliegenden Flächen zahlreicher, eine überdimensionale Tristesse, die den Wehmut des Abschieds verfremdete, die ihm etwas Surreales verlieh und meinen Wunsch zu flüchten stärker werden ließ. Im Bus fielen nicht viele Worte. Die deutsche Reiseleitung nahm das Mikrofon, als schon die ersten Maschinen uns in niederer Höhe überflogen. Sie sprach von den unvergesslichen Eindrücken im Venedig des Nordens, davon, dass wir sie im Herzen bewahren und mit zurück in den Alltag nehmen werden, sie ergoss sich schwülstig, und die russische Dolmetscherin nickte und lächelte bestätigend. Ihre Arbeit war beendet, die der Reiseleitung dauerte noch wenige Minuten, die Schlussreden fielen nicht schwer.

Wie viele Mädchen sie mit ihren Valuta abschleppen werden, wie viel mal die Sau rauslassen und andere über den Tisch ziehen? Sie werden die Könige sein auf ihrem verdammten Nevsky Prospekt – Westgeld, Westzigaretten, Westklamotten, gemischt mit ihrer Bauernschläue, eine unheilvolle Mischung, perfekt verborgen hinter ihrer Trinkfestigkeit, Wodka und Cola, immer abwechselnd, bis sie mich haben, bis ich glaube an die ewigwährende Freundschaft, „peace and love and friendship“, meinetwegen, klingt nicht schlecht – am nächsten Morgen Kopfschmerzen, ein Gefühl von Blei in allen Gliedern und der erste Griff nach Touristenmanier prüfend zum Portemonnaie.

Mein Nebenmann beugte sich zu mir: „Fällt schwer, deine Maruschka zu vergessen, was?“ Ich drehte mich um: „Welche Maruschka?“ Er lachte: „Na, Maruschka oder Natalie oder was weiß ich... Hatte sie keinen Namen?“ „Nein.“ Ich verstand, und ich hatte keine Lust auf das Gespräch.

„Was soll’s? Ihre Namen sind Schall und Rauch und sowieso erfunden. Aber eins muss man ihnen lassen...“, er kam dicht an mein Ohr, „sie haben etwas, das einen Mann verrückt machen kann, das man nicht vergisst. Nur reinfallen darf man nicht. Die wollen aus dem Land und geheiratet werden.“ Ich lehnte mich von ihm weg, war mit dem Kopf bald in der Mitte des Durchgangs.

„Da fällt es schwer, zu gehen, verstehe ich, das ist nicht leicht...“

„Der Teufel soll die ganze Bagage holen!“, fuhr ich dazwischen und wusste nicht genau, wen ich in diesem Moment meinte: die Pauschaltouristen, die drei Russen oder mich.

Er war mir in Erinnerung geblieben vom Abend zuvor, oben in der Hotelbar im elften Stock, offen bis vier für Touristen, offen für Prostituierte, die sich den Weg freibestochen hatten, vorbei am Portier, der Etagenkellnerin (vielmehr Aufpasserin, sie erinnerte mich an jene gestrengen Anstandsdamen, die bei meinen Kuraufenthalten als Kind um unser sittliches und anderweitiges Wohl bedacht waren), bestochen vielleicht auch die Miliz. Gleich zwei von ihnen hatte er an seinem Tisch, und er rief mir zu: „Die verstehen kein Deutsch. Nicht billig, aber du kannst sagen, was du willst.“ Und dann, mit melancholischem Blick hinunter auf die Neva, wo die Aurora im Scheinwerferlicht vor sich hindümpelte: „Kann man sich vorstellen, dass von hier aus die Geschichte verändert wurde?“ „Hat ja auch sein Gutes, wie man sieht“, antwortete ich und blickte kurz zu den Damen – zwei Frauen von atemberaubender Schönheit, bei denen wohl niemand von uns unter normalen Umständen eine Chance gehabt hätte. Ich hörte ihn schallend lachen, so, als habe er einen Verbündeten gefunden.

Ich verließ die Bar und ignorierte sein „He, warten sie doch!“ – ignorierte die widersprüchlichen Eindrücke, die mich zurück in die beschützenden Wände meines Hotelzimmers trieben, allein mit den Utensilien aus meiner Reisetasche, die, überall im Zimmer verteilt, eine beruhigende Wirkung auf mich ausübten. Ich saß lange auf dem niederen Sims am Fenster in der siebenten Etage, hatte die Hausradioanlage eingeschaltet, sah hinunter auf die Neva, ließ die Gedanken treiben, ließ Widersprüche sich lösen (verstehen wollen erschien mir aussichtslos), sah die spitznadeligen Kirchtürme und die im Dunst verschwimmenden Wasserwege und Brücken der Stadt, sah die Weite und Größe und fühlte jenes Pathos bestätigt, das alle in unserer Gruppe empfanden.

Gregor, Sergej, Arthur, für sie war es normal und allenfalls lästig, kaum Platz in überfüllten und altersschwachen Straßenbahnen zu finden, in langen Schlangen anstehen oder bestechen zu müssen; Misslichkeiten, die sie meisterhaft zu umschiffen verstanden. Ich weiß nicht warum, aber mit ihnen als Fremdenführern musste ich nicht warten am Eingang, auf die Bestellung, auf einen Sonderwunsch; sie waren Russen wie die anderen auch, doch in einer Weise, die mir nicht bekannt war, privilegiert.

Ich wusste nicht, ob das Portrait der Sophia Botkina zu den bekannteren Arbeiten des Landes zählte, glaubte ich meinen drei Freunden, musste es ein Meisterwerk sein. Anderes, religiöse Kunst oder moderne, hatte ich abgelehnt, und sie hatten nicht verstanden warum.

Am Zoll untersuchten zwei Beamte meine Taschen. Die gefaltete und gerollte Leinwand blieb ungeöffnet.

„What‘s this?“ Der Zöllner streckte den Zeigefinger nach meiner Jackentasche aus. „This! This!“, wiederholte er und zeigte auf die Feinfilter, die ich in meinen Tabak eindrehe. Er griff danach und nahm ein paar heraus, hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger gegen das Licht, warf einen in die Luft und fing ihn wieder auf. Er grinste, doch ich bemühte mich, ein Lachen zu verkneifen.

„Keine Drogen, no drugs. This is for tobacco“, gestikulierte ich, während sein Grinsen verschwand und er seinen Kollegen hinzuzog. Auch dieser hielt den kleinen Gegenstand hoch, missmutig dreinschauend in seiner schlecht sitzenden und mit viel zu kurzen Ärmeln versehenen Dienstjacke, er drückte das Material auseinander, machte eine abschätzige Handbewegung und warf es zurück.

Mir brach es das Herz, wie sie weiter suchten, drückten und pressten gegen das gerollte und gefaltete Bild – längst musste es Schaden genommen haben. Allerlei Touristenquatsch, einige Bücher und meinen Stadtplan beförderten sie ans Tageslicht – ein kurzer Blick auf den Zipfel der Leinwand, „Artist?“, mir wurde unwohl, „Yes!“, antwortete ich und sah zur Seite. Hinter mir wartete noch mehr als die Hälfte meiner Gruppe auf ihre Abfertigung.

Der Freier war als einer der ersten im Flugzeug, er sah zu mir hinüber, hielt seine Hand anbietend über den freien Platz neben sich, ich ging vorbei und setzte mich neben einen Mann, der die ganze Reise über den Mund noch nicht aufbekommen hatte. Wie auf dem Hinflug fürchtete ich auch jetzt Schwierigkeiten mit dem Druckausgleich in meinem Kopf, und in Erwartung der Übelkeit und Kopfschmerzen war mir jedes Gespräch zuwider. Im Netz des Vordersitzes klemmte ein „Neues Deutschland“, aber keine Tüte, ich meldete mich und war erstaunt über die Gastfreundschaft der Interflug und ihrer Stewardessen; mit nahezu mütterlicher Wärme umsorgte mich eine von ihnen, fragte mehrmals, wie es mir gehe, holte Aspirin, ließ mir ein Pumpspray für den Notfall da.

Ich schloss die Augen und genoss die Aufmerksamkeit, die mir zuteil wurde. „Die Tasche, die hätten sie nicht mitnehmen dürfen, sie ist zu groß und zu schwer.“ Ich winkte sie zu mir herunter und flüsterte: „Ich weiß. Ich bin Spion, das ist mein letzter Auftrag. In Berlin werde ich ausgetauscht.“ Sie bemerkte, dann könne es wohl nicht so schlimm sein mit den Schmerzen. „Doch!“, beharrte ich in kindlichem Trotz und hörte sie sagen, dass sie in einer Viertelstunde nochmals nach mir sehen werde. Ich fühlte mich beschützt und wohl in der kühlen Tristesse der Iljuschin, sah der Stewardess nach, die in der Personalkabine verschwand, sah zurück, wo der Freier mit lächelndem Gesicht und geschlossenen Augen döste, wohl in süßen Erinnerungen schwelgte, sah aus dem Fenster auf ein von Flüssen und Seen durchzogenes Niemandsland, hörte die ruhig summenden Maschinen unter den Tragflächen, blätterte im „Neuen Deutschland“ und spürte gar wärmendes Vertrauen zum „Genossen Staatsratsvorsitzenden“, je öfter er auf den Seiten erschien (…)