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Clemens Kleine, Schriftsteller, hat das Stipendium des Inselschreibers von Norderney erhalten und fährt voller Enthusiasmus los ... Schon im Zug lernt er Elvira kennen, mit der er auf der Insel eine erotische Beziehung eingeht. Doch Marie, eine Künstlerin, die im „Haus der Kunst“, in dem er wohnt, ihre Ausstellung vorbereitet, ist für ihn viel interessanter. So lebt er in einer Dreiecksbeziehung, das Schreiben kommt viel zu kurz, Geldsorgen treiben ihn um, bis eines Tages die Frauen voneinander erfahren ...
"Haus der Kunst" ist ein kurzweiliger Roman, erschienen im BS-Verlag Rostock. ISBN 978-3-86785-374-3, 12,90 €

Leseprobe:

Zu beiden Seiten des Aufgangs standen Partyreisende, Kegelclubs möglicherweise, zur einen Seite Frauen, zur anderen Männer, und schnell nahm Clemens wahr, dass sie sich aufeinander zubewegten. Ein Radiorekorder lief, alkoholische Getränke wurden verteilt, Feiernde stießen an, prosteten sich zu; einige hakten sich unter, um zu schunkeln, doch er hatte eher den Eindruck, dass sie sich gegenseitig festhielten, um nicht hinzufallen. Was an diesem Bild nicht stimmte, war jedoch nur einerseits dies befremdliche Gebaren, viel mehr noch war es der Umstand, dass Clemens schon nach knapp einem Jahr als freier Schriftsteller die Orientierung des normalen Werktätigen völlig verloren hatte. Erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass der nächste Tag, ein Donnerstag, Feiertag war, dass vermutlich das halbe Land den Freitag als Brückentag genommen hatte und das lange Wochenende nutzte, um zu verreisen. Niemand hatte ihn gewarnt –, oder waren die ironisch klingenden Bemerkungen des Bahnangestellten, der ihm das Sparticket nach Norderney verkauft hatte, etwa versteckte Warnungen gewesen? Er konnte ja schlecht sagen: Fahren Sie nicht! Ich verkaufe Ihnen das Ticket nicht!, aber dies unbedingte Drängen auf einer Platzreservierung, dieser Rat, doch Reiseproviant mitzunehmen, weil das Bordbistro hoffnungslos überfüllt sein werde, das alles sah Clemens nun in anderem Licht. Er hoffte, dass sein reservierter Platz nicht genau zwischen diesen beiden Gruppen lag, und natürlich lag er genau dazwischen, und die Annäherung beider ging im Zug weiter, ihm schien: wie eine Schlinge, die sich um seinen Hals zuzog. Küsschentausch, Brüderschaft trinken, immer mehr Hände an immer mehr unsittlichen Stellen – er hielt sich für keinen Spießer, doch was er sah, dafür hatte er nur dieses eine Wort übrig: unsittlich. An den nächsten Bahnhöfen stiegen weitere Partygruppen zu, er wunderte sich, wie sie alle Platz im Zug fanden, und er vermutete, dass die Enge, die sich bald einstellte und ihn unruhig werden ließ, nicht Zufall, sondern Absicht war. Noch blieb sein Abteil verschont, bis auf ein älteres Ehepaar – auf dem Weg nach Norddeich, wie es ihm sagte – saß niemand darin, doch es schien ihm nur eine Frage der Zeit, bis diese Bastion fallen würde, und dass es sich um einen solch alten Zug mit schon abgenutzten Sechserabteilen handelte, den die Bahn einsetzte, auch das leuchtete ihm nun ein. Gern hätte er sich bis zum Ende der Fahrt verbarrikadiert, hätte die Vorhänge zugezogen, wären da welche gewesen, hätte Zeitungen ausgelegt als Zeichen, dass alles besetzt sei, hätte sich breit gemacht und das ältere Ehepaar ebenfalls gebeten, sich so breit zu machen, wie es ging, doch die beiden machten sich schmal, saßen eng beieinander und hatten die Lehne zwischen sich hochgeklappt. Die Frau hielt sich am Arm ihres Mannes fest, sah ihn ratsuchend an, während sein Blick nach draußen floh, als könne er dort Halt finden. „Ganz schön was los hier“, sagte Clemens. Die Frau lächelte, der Mann warf ihm einen kurzen Blick zu. „Hoffentlich überstehen wir die Reise heil.“ „Ja, hoffentlich“, sagte der Mann. „Hätte nicht gedacht, dass es so voll wird“, bemerkte Clemens, während er eine Zeitung aus seinem Ruck-sack nahm und sie aufschlug – doch eine Antwort erhielt er nicht mehr, denn die Tür wurde aufgezogen, und mehrere Menschen drängten hinein. Sie besetzten die freien Plätze, zwei davon doppelt, einmal setzte sich eine Frau auf den Schoß eines Mannes, einmal umgekehrt. Eine der Frauen bot ihm etwas zu trinken an, hielt ihm einen Plastikbecher mit alkoholischem Inhalt dicht vors Gesicht. Er drehte sich weg. „Vielleicht mag er lieber Bier“, vermutete einer der Männer und hielt ihm seine Dose hin. Clemens lehnte ab. Als die Frau, die sich neben ihn gesetzt hatte, die Armlehne hochklappte, erschien es ihm, als reiße ihm jemand die letzte noch verbliebene Schutzmauer ein. Er machte sich so klein es ging. Eine fremde Hand näherte sich seinem Bein. Er zog es noch weiter zurück. „Och, Schatzi, sei doch nicht so!“, sagte die Frau, und der Mann skandierte: „Spaßbremse, Spaßbremse!“ „Nun lass ihn doch“, beschwichtige die andere Frau, jene, die ihren Partner auf dem Schoß hielt, „ich glaub, der ist noch Jungfrau.“ Sie lachten. Nach außen hin um Ruhe bemüht, geriet Clemens innerlich in Panik, stand eilig auf, suchte hastig seine Sachen zusammen, bat, man möge ihm Platz machen, er müsse an der nächsten Station raus. „Das ist noch eine halbe Stunde“, sagte der Mann, und Clemens tat, als habe er ihn nicht gehört. Er verabschiedete sich von dem Ehepaar und verließ das Abteil – was sich als gar nicht so einfach herausstellte, denn zum einen war der Gang voller Menschen, zum anderen hatte er mehr Gepäck als sonst dabei: außer Rucksack und Rollkoffer noch zwei Stofftaschen mit Malsachen, denn er wollte auf der Insel nicht nur schreiben, sondern auch malen. Da er nicht wusste, ob Künstlerbedarf auf der Insel zu kaufen war, hatte er alles mitgenommen: Farbtuben, Keilrahmen, Leinwand, Pinsel, Firniss, Zeichenblock, Kohle- und Pastellstifte. Damit aber war kein Durchkommen, die Taschen fielen zu Boden, Material rutschte heraus. So viel er schaffte, hob er wieder auf. Eine farbige Spur auf dem Boden markierte seinen Weg zum Bordbistro. Dort wurde gerade ein Tisch frei, er setzte sich, bevor es jemand anderes tat. Vorn an der Theke war es voll, lautes Bierlachen klang herüber. Er packte seinen Proviant aus, aß und trank. Dann nahm er seine Schreibmappe und versuchte, wieder in den Text hineinzufinden, an dem er auf der Insel arbeiten wollte. Doch so gut er in leeren Zügen arbeiten konnte, so schlecht ging es in vollen: Kein einziger Satz gelang ihm, und nach einer Weile klappte die Mappe wieder zu. Gedankenverloren blickte er auf die vorbeiziehende Landschaft, dachte daran, jetzt schon, am späten Vormittag, ebenfalls ein Bier zu trinken, sich dem Zustand der Partyreisenden anzunähern in der Hoffnung, die Fahrt dann besser zu ertragen. Eine Frau betrat das Bistro, sah sich einige Augenblicke lang unschlüssig um, kam schließlich zu ihm und fragte, ob an seinem Tisch noch Platz sei. Sie schien keine Partyreisende zu sein. In der Hand hielt sie ein Buch, aus dem ein rotes Lesebändchen heraushing. Das ließ sie ihm gleich als Verbündete erscheinen; er bejahte und hielt seine Hand anbietend über den freien Platz. Sie setzte sich, schlug ihr Buch auf, steckte das Bändchen an eine andere Stelle und begann zu lesen. Nach einer Weile fragte Clemens, ob er stören dürfe. Er bat sie, kurz auf seine Sachen aufzupassen, er wolle Kaffee holen, und er fragte, ob er ihr etwas mitbringen könne. „Ja, gern, einen Kaffee, ich gebe ihnen das Geld.“ Sie öffnete ihr Portemonnaie, nahm Münzen heraus. „Zweiachtzig, glaube ich“, sagte Clemens. Sie gab ihm drei. Er ging nach vorn. Mit zwei Tassen Kaffee, Milchdöschen, Zuckertütchen, Plastikstäbchen und zwanzig Cent Wechselgeld kam er zurück. „Fahren Sie auch nach Norderney?“ Sie bejahte. „Urlaub?“ „Ja. Und Sie?“ „Eher ein Arbeitsaufenthalt.“ „Was arbeiten Sie?“ „Ich schreibe.“ „Ein Schriftsteller.“ „Ja, Schriftsteller.“ Sie schwieg und musterte ihn, als hätte er etwas Unanständiges gesagt. Irgendetwas musste am Beruf „Schriftsteller“ sein, das anderen die Sprache verschlug. Vielleicht die Furcht, als Figur in dessen nächster Geschichte zu enden, bestenfalls als Held, schlimmsten-falls als Niete. „Auch nur ein Beruf wie jeder andere“, sagte er, um das Gespräch fortzusetzen. „Ich war bisher der Meinung, es sei etwas Besonderes.“ „Ist es auch. Aber die Wirklichkeit ist oft nicht so glänzend, wie sie möglicherweise auf andere wirkt.“ „Wie ist sie denn?“ „Anstrengend, quälend zuweilen. In letzter Zeit ist mir nicht viel gelungen, aber ich bin zuversichtlich, dass es jetzt besser wird.“ „Was stimmt Sie so zuversichtlich?“ „Eine Reise hat mich immer inspiriert, neue Türen geöffnet. So auch diesmal, hoffe ich.“ „Darf ich fragen, was Sie schreiben?“ „Geschichten“, sagte er, „ich erfinde Geschichten.“ Er zeigte auf ihr Buch: „So etwas wie das da.“ „Das ist ein Roman!“ „Also, wenn es gut läuft“, beeilte er sich zu erklären und tippte auf seine Mappe, „dann wird auch das hier ein Roman.“ Von seinem Stipendium wollte er nichts erzählen, fürchtete, es könne angeberisch erscheinen. „Und wie geht es voran mit dem Roman?“ „Gerade erst angefangen. Noch zu früh, das zu sagen.“ Sie schwieg. „Und was lesen Sie?“, fragte er. Sie zeigte ihm das Buch. Er fragte, ob er es einmal zur Hand nehmen könne; sie reichte es ihm. Er betrachtete das Titelbild, las den Klappentext: Leichte Kost, seichte Unterhaltung, so erschien es ihm. Doch er spürte Neid, denn damit konnte man offenbar viel eher Erfolg haben als mit den abstrakten, konstruierten Themen, mit denen er sich meist herumplagte. „Reisen Sie oft?“, fragte er und reichte das Buch zurück. „Häufiger, ja.“ „Kennen Sie die Insel gut?“ „Ich denke schon.“ Die Tür ging auf und das ältere Ehepaar kam herein. Beide hatten den Weg hierhin nicht ganz unbeschadet überstanden: Der helle Reisemantel des Mannes war voller Flecken, und die Brille der Frau wirkte seltsam verbogen. Clemens schenkte ihnen einen mitfühlenden Blick. Der Mann fragte, ob an seinem Tisch noch frei sei. „Für eine Person ja“, sagte Clemens, „zwei, ich fürchte, das wird zu eng.“ Ungläubig blieb der Mann stehen, als könne er sein Pech nicht fassen. Dann ging er, von ihr angeschoben, weiter. Clemens nahm das Gespräch wieder auf: „Sie waren schon oft auf der Insel, haben Sie gesagt?“ „Einige Male, ja.“ „Ich war einmal dort, aber das ist so lange her, ich erinnere mich kaum. Hätten Sie nicht ein paar Tipps für mich?“ „Für was interessieren Sie sich denn?“ „Eigentlich für alles.“ Sie sah ihn prüfend an, als wähle sie gedanklich aus einem Katalog geeignete Vorschläge für ihn aus: „Kennen Sie den Presseclub?“ Er verneinte. „Das ist das Café, in dem es die besten Krabbenbrötchen gibt.“ „Ich habe noch nie im Leben Krabben gegessen.“ „Und wenn Sie einmal aufs Festland und wieder zurückfahren, dann verlangen Sie eine Arbeiterrückfahrkarte.“ „Ich arbeite nicht auf der Insel, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn.“ „Wenn Sie gefragt werden, was Sie arbeiten, sagen Sie: Saisonarbeit im Hotel Kaiser.“ „In gewisser Hinsicht ist es Saisonarbeit, was ich mache.“ „Fragen Sie Ihren Gastgeber, ob er Ihnen zu einer ermäßigten Kurtaxe verhelfen kann. Und für Schwimmbad und Museum gibt es vergünstigte Eintrittskarten. Vielleicht haben Sie Anspruch darauf.“ „Bestimmt. Schriftsteller haben immer Anspruch auf so was. Manchmal reicht schon ein Hinweis auf das Bild vom armen Poeten.“ Sie gab ihm weitere Tipps, von denen er einige – Milchbar, Surfcafé, Haifischbar – schon kannte, andere nicht. „Wollen Sie nicht einen Inselführer für Insider schreiben?“, fragte er. „Sie sind der Schriftsteller“, antwortete sie. „Und Sie kennen sich aus. Wir könnten uns zusammentun!“ Sie blieb die Antwort schuldig. Norddeich-Mole. Es blieb noch Zeit, bis das Schiff ablegte, der Zugang war noch nicht freigegeben. Die Partyleute sammelten sich an Imbissbuden, wo es Fischbrötchen und Alkoholisches gab, und dass sich beides nicht immer gut vertrug, war auf dem Boden an verschiedenen Stellen deutlich zu sehen. Sie gingen nach vorn zur Hafenausfahrt, wo sie allein waren. Clemens blickte zur Insel: unverkennbar die Silhouette der Häuser am Strand, flach, geradezu geduckt, bis auf ein Hochhaus, das herausragte, gleich so, als hätte sich der Architekt im Maßstab vertan. Er zitierte er ein Gedicht von Heinrich Heine, das er wegen seiner Kürze behalten hatte und das auf Norderney entstanden sein sollte: „Das Fräulein stand am Meere und seufzte lang und bang, es rührte sie so sehre der Sonnenuntergang. Mein Fräulein! sein Sie munter, das ist ein altes Stück, da vorne geht sie unter und kehrt von hinten zurück.“ Sie lachte: „Sie klingen wie ein Professor, wissen Sie das?“ „Wer sagt Ihnen, dass ich keiner bin?“ „Sie sagten, Sie schreiben.“ „Tun Professoren das etwa nicht?“ Der Zugang wurde freigegeben, die Menschen strömten an Bord, Matrosen passten auf, dass niemand ins Wasser fiel. Sie zögerten vor einem Schild, das auf einen Bereich mit und einen ohne Restauration hinwies, und entschieden sich für das Restaurant. Schnell füllte sich der Raum. Sie setzten sich ans Fenster, bestellten Kaffee. Neben ihnen nahm eine Familie Platz, packte Essen und Getränke aus und verneinte die Frage des Kellners, ob es etwas sein dürfe. Am nächsten Tisch verlangte eine Partyrunde Bier und fragte, welchen Schnaps man im Norden trinke. Daraufhin brachte der Kellner eine Runde „Küstennebel“. „Wie halten die das durch?“, fragte Clemens. „Die Übung macht’s“, vermutete sie. „Ich meine, die müssen doch abends fix und fertig sein.“ „Vermutlich ist genau das ihr Ziel.“ „Wie die sich anbaggern. Ich meine, wenn da ...“ „Sie fragen sich, wie da noch was laufen soll?“ „Ehrlich gesagt: ja.“ „Ich habe von Tabletten gehört, die in solchen Situationen helfen.“ Langsam verließ das Schiff den Hafen, fuhr durch die mit Pfosten gesäumte Fahrrinne – auf jedem Pfosten eine Möwe. Das Bild erinnerte ihn an die kleinen maritimen Andenken aus Holz, die man selbst in seiner Heimatstadt, eine halbe Tagesreise von der Küste entfernt, mittlerweile in jedem Dekogeschäft kaufen konnte. Das Schiff nahm Fahrt auf. Zur Linken lag Juist, zur Rechten Ney. Sie passierten Sandbänke, auf denen sich Seehunde von der Sonne wärmen ließen. Clemens fotografierte sie, obwohl er ahnte, dass sie später bestenfalls als kleine unscharfe Punkte zu sehen sein würden. Er wollte auch Elvira fotografieren, doch sie sagte, sie möge das nicht. Das Schiff änderte die Fahrtrichtung und begann zu rollen. „Ist das immer so?“, fragte er. „Ist Ihnen schlecht?“ „Es geht.“ „Möchten Sie eine Rettungsweste?“ „Danke, nicht nötig.“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Wo sind sie denn eigentlich, die Rettungswesten?“ „Unter den Sitzen.“ „Beruhigend zu wissen.“ „Fahren Sie mal bei Sturm, kurz bevor die Schifffahrt eingestellt wird.“ „Ich kann mich beherrschen“, sagte er. Es entstand eine Pause, von der er nicht wusste, wie er sie beenden sollte. „Wie groß ist eigentlich die Insel?“, fragte er, obwohl er es schon wusste. „Vierzehn Kilometer lang und einige Kilometer breit. Sehen Sie den Leuchtturm dort?“ „Ja.“ „Von dort aus reicht sie noch einmal so weit.“ „Aha.“ „Kennen Sie das Schiffswrack im Osten?“ „Ja, aber bei meinem ersten Aufenthalt habe ich es nur mit dem Rad bis zum Leuchtturm geschafft. Vielleicht könnten wir einmal ...“ Sie blieb die Antwort auf das, was eine Frage werden sollte, schuldig. Die Passagiere gingen von Bord und zogen ihre Rollkoffer wie angeleinte Haustiere hinter sich her. Manche der Feiernden mussten schon gestützt werden, andere tanzten zum Takt ihrer Schlagermusik der Insel entgegen. Am Ausgang wurden ihnen Plastikkarten ausgehändigt, die sie für die Dauer ihres Aufenthalts als Inselgäste auswiesen: die Norderney-Card mit all ihren Vorzügen. Ab wann lohnt es sich eigentlich, sie zu verlieren?, fragte sich Clemens und steckte seine ein. „Gehen wir zu Fuß?“, fragte sie. „Ja, gerne.“ „Welches ist dein Hotel?“, fragte sie, entschuldigte sich, korrigierte: „Welches ist Ihr Hotel?“ „Das Du ist schon ok“, sagte er. „Ich wohne im Haus der Kunst.“ „Haus der Kunst? Kommen da nicht nur Stipendiaten hin?“ „Ich habe ein Stipendium.“ „Ein echter Schriftsteller also!“ „Nein, eine Fälschung. Aber nicht weitersagen.“ „Und wie lange dauert dein Aufenthalt?“ „Einen Monat.“ „Ich gratuliere!“ „Es ist auch mit Auflagen verbunden: Ich soll Kontakt zu Presse und Schulen halten, einen Blog schreiben, und innerhalb von zwei Jahren muss ich ein Buch veröffentlichen oder das Geld zurückzahlen.“ Über die Preissumme wollte er nicht reden, ebenso wenig darüber, dass das Geld gerade so eben ausgereicht hatte, um sein überzogenes Konto wieder auszugleichen. Seinen da schon gefassten Entschluss, wieder in die Arbeit in der Pflege zurückzugehen, hatte er noch einmal aufgeschoben. Doch davon wollte er jetzt nicht erzählen, es beschäftigte ihn selber noch zu sehr, und Freude und Zweifel hielten sich die Waage. „Und selbst?“, fragte er, „wo wohnst du?“ „Hotel des Arts.“ „Ist das nicht das teuerste Haus am Platz?“ „Wer länger bleibt, bekommt viel Rabatt“, sagte sie, und er dachte, dass er besser nicht gefragt hätte. „Vielleicht können wir heute Abend noch etwas unternehmen?“, schlug er vor. Wieder erhielt er keine Antwort. Warum sage ich immer das Falsche?, dachte er. (...)