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Bücher
Die neue Stadt


Zuerst erkannte er sie nicht. Dann stoppte er, drehte sich um und rief ihren Namen. Sie zögerte. „Was machst du hier?“, fragte er. „Ich steige um.“ „Fährst du nach Hause?“ „Wohnst du hier?“, antwortete sie mit einer Gegenfrage. Er bejahte, sagte, dass er sich freue, sie zu sehen und schlug vor, in ein Café zu gehen, eines, das nicht weit vom Bahnhof entfernt liege. Sie nickte.

Er nahm ihr das Gepäck ab. Viel war es nicht: ein Rollkoffer und eine kleine Tasche, beides aus festem schwarzem Stoff. Ihre Kleidung – ebenfalls schwarz – wirkte vornehmer, schicker als das, was sie früher getragen hatte. „Was machst du hier? Arbeit? Fortbildung? Urlaub?“ Er fragte schnell, als wolle er keine Antwort. Im Café zeigte er auf einen freien Tisch am Fenster, sie setzten sich. „Bist du oft hier?“, fragte sie. „Immer nach der Arbeit. Eine knappe Stunde. Sie haben alle wichtigen Zeitungen.“ „Alle wichtigen Zeitungen“, wiederholte sie. „Es ist eine Art Fluchtpunkt“, erklärte er. „Wovor flüchtest du?“ „Jeder Mensch braucht einen Fluchtpunkt“, sagt er und hoffte, sich keine Blöße zu geben.

Das Café gehörte zu einer Buchhandlung; man durfte Bücher mit hineinnehmen und darin lesen. Tatsächlich war er fast jeden Tag da. Versteckt hinter Tageszeitungen, deren Inhalt er überflog, beobachtete er die Menschen. Hinter den aufgeschlagenen Seiten der Zeitung fühlte er sich geschützt, fühlte er sich der Stadt und den Menschen verbunden. Jeden Tag kam er, um sich dieser Verbundenheit aufs Neue zu versichern. Die Pächterin und die Angestellten des Cafés begrüßten ihn wie einen alten Bekannten und brachten ihm die immer gleiche Bestellung: Milchkaffee und einen Gemüsequiche mit kleinem Salat. Ein Glas Wasser gab es kostenlos dazu. Wenn er etwas anderes wollte, musste er es gleich nach dem Hereinkommen sagen. Ihr fiel auf, dass er sich wie zuhause fühlte, und sie fragte, ob das Café sein Wohnzimmer sei. Er nickte. „Wo liegt deine Wohnung?“, fragte sie. „Wenige U-Bahn-Stationen von hier.“ „Zeigst du sie mir?“ Er blickte sie fragend an. „Es interessiert mich, wie du jetzt lebst“, fügte sie hinzu. „Wie früher: ein Zimmer, Diele, Küche, Bad, Balkon. Ich brauche nicht viel.“ Sie schwieg, er fuhr fort: „Das Leben ist teuer hier. Und der Wechsel hat gekostet.“

Etwas drückte ihm auf den Magen. Er sagte, dass er zur Toilette müsse und entschuldigte sich. Er schloss sich in eine Kabine ein, legte den Brillenrand mit Klopapier aus und setzte sich. Die Luft war stickig, und blaues Licht, das Junkies abschrecken sollte, ließ den Raum unwirklich erscheinen. Es erinnerte ihn an seine Besuche in der Pinakothek der Moderne, an Installationen, die ganze Räume veränderten. Neue Wahrnehmungen – in ihm einzig den Wunsch wachrufend, solche Räume möglichst schnell wieder zu verlassen. Er dachte daran, wie es wäre, mit ihr zu schlafen. Und er dachte, dass er verrückt sein müsse, dies in Betracht zu ziehen. Wusste er, was sie die letzte Zeit gemacht hatte? Er erinnerte sich an ihre Diskussionen „mit oder ohne Gummi“, und dass es meist auf „ohne Gummi“ hinausgelaufen war. Sie hatten sich benommen, als hätten sie nicht ein, sondern mehrere Leben. „Mit dir schlafe ich ohne Kondom“, hatte sie gesagt. „Ach, und mit anderen?“ Er erinnerte sich an seine Versuche, Widersprüche und Eifersucht in Alkohol aufzulösen, erinnerte sich an den morgendlichen Katzenjammer und den viel zu oft gefassten Entschluss: Ich muss etwas ändern! Dass sie wieder da war, versetzte ihn zurück. Es war, als sei sein Umzug für ungültig erklärt worden. Er ging zum Tisch und bestellte, die Theke passierend, zwei Bier. Noch nie hatte er hier Alkohol getrunken. Er wusste nicht einmal, ob sie welchen hatten. Die Chefin und ihre Angestellte, beide blickten ihn verdutzt an, so dass er seine Bitte vorsichtshalber wiederholte.

Angetrunken, albern, grundlos lachend verließen sie das Café und gingen zur U-Bahn. Er wusste nicht, ob er ihr die Hand reichen sollte, sie schien es ebenfalls nicht zu wissen, so dass es bei kurzen, wie zufällig aussehenden Berührungen blieb. Nach wenigen Kilometern wurde die U-Bahnlinie oberirdisch. Gespannt blickte sie aus dem Fenster, schien alle neuen Eindrücke aufnehmen, festhalten zu wollen. „Bist du gerne hier?“, fragte sie. Er bejahte und fragte, wie lange sie bleiben werde. „Der Zug, den ich nehmen wollte, ist weg.“ „Wir sind gleich da“, sagte er, stand auf und nahm ihr Gepäck. Sie passierten eine Gaststätte, in der er häufiger verkehrte; er fragte, ob sie Lust habe, mit ihm hineinzugehen. „Warum nicht“, sagte sie.

Samstagnachmittag, es war schon voll, die Musik lief laut, der Billardtisch war besetzt. Kellner gingen mit Tabletts durch die Räume und verteilten Biere und Striche auf Deckel. Er fragte, was sie trinken wolle und sorgte dafür, dass sie schnell etwas bekam. „Lust auf ein Spiel?“, fragte er und zeigte auf den Tisch. „Erwarte nicht zu viel“, sagte sie, „ich beherrsche es nicht besonders gut.“ „Macht nichts“, sagte er und bot ihr seine Hilfe an – nicht ganz ohne Hintersinn, war Billard doch eine der wenigen Möglichkeiten, sich jemandem zu nähern, ohne dass es gleich als Zudringlichkeit aufgefasst wurde. Er legte zwei Eurostücke an den Rand. Seine Bitte, ein Spiel mit seiner Begleitung alleine machen zu dürfen, lehnten die Gewinner am Tisch ab, also mussten sie gegen sie antreten. Er warf einen Euro ein, baute die Kugeln auf und stieß an. Da er davon ausging, dass sie ohnehin verlieren würden, hielt sich sein Ehrgeiz in Grenzen. Lieber konzentrierte er sich darauf, ihr zu helfen, stellte sich hinter sie und hielt ihren Queue, während sie spielte. Er spürte, wie schlank sie war, wie gut sie sich bewegte, und selbst in der Kneipenluft konnte er ihr Parfüm riechen. Ihre Gegner versenkten die schwarze Kugel falsch, und sie blieben am Tisch. Ein weiteres Spiel begann, wieder half er ihr, führte ihre Hand bei jedem Stoß, obwohl sie es mittlerweile gut alleine hinbekommen hätte. Er wünschte, das Spiel höre nie auf. Täuschte es ihn, oder ließ sie sich nach jedem gelungenen Stoß ein wenig gegen ihn fallen, damit er sie hielt? Seine Kneipenkumpels gafften verstohlen herüber. Ihr Neid gefiel ihm gut. Die Kneipe wurde zur kleinen Bühne, auf der sie ihren kurzen Auftritt hatten. Er fürchtete sich ein wenig vor dem Moment, da sie die Bühne verlassen mussten. Schließlich verloren sie. Nochmals Geldstücke hinzulegen hätte keinen Sinn gehabt, sie wären frühestens in einer Stunde wieder dran gewesen. Sie verließen die Gaststätte und gingen zu ihm. „Du hast dich gut eingelebt“, sagte sie. „Findest du?“ „Alle grüßen dich.“ „Ja, aber wirkliche Freunde sind noch nicht dabei.“ Sie erreichten das Haus, er schloss auf, ging voraus. „Ich wohne ganz oben“, sagte er. Sie fragte, wie viele Stockwerke es seien. „Vier“, antwortete er, ging weiter, drehte sich ab und zu um, schickte ein Lächeln nach hinten, als fürchte er, sie wieder zu verlieren.

Seine Garderobe war übervoll behängt. Er nahm ihre und seine Jacke und legte beide über seine Schlafcouch, stopfte seinen Schlafanzug, der noch herumlag, unter die Decke und zog diese glatt. „Musik?“ Sie zuckte die Achseln. „Kaffee?“ „Was hast du sonst noch?“ „Etwas Wein.“ „Wein? Hattest du Besuch?“ „Nein, Durst.“ Er spülte zwei Gläser nach, nahm eine noch halbvolle Flasche und goss ein. Er hielt sein Glas hoch und prostete ihr zu: „Auf uns!“ Sie trank, ging zum Bücherregel, las die Titel. „Du hast viele neue Bücher“, bemerkte sie. „Die Abende sind lang und einsam“, erklärte er, „deine auch?“ „Lang und einsam“, wiederholte sie. Sie betrachtete seinen Schreibtisch, auf dem sich die Unterlagen stapelten. Mit dem Zeigefinger fuhr sie über die Tischplatte und hielt ihm die staubige Fingerkuppe hin: „Dir fehlt eine Frau!“ „Ich glaube kaum, dass ich eine finde, die ...“ „So meine ich das nicht“, unterbrach sie, „du achtest bestimmt mehr auf dich, wenn du jemanden hast.“ „Möglich“, antwortete er. Sie trank ihr Glas aus und bat ihn nachzuschenken. „Ich kann zum Kiosk gehen, neuen holen“, bot er an, sie willigte ein. Er nahm seine Jacke und verließ die Wohnung. Und da er schon seit Stunden nichts mehr gegessen hatte und sie vermutlich ebenfalls nicht, ging er vom Kiosk zum Chinesen, wo er ein schnell zubereitetes Menü für zwei Personen zum Mitnehmen bestellte.

Als er zurückkam, stand sie in der Tür zum Balkon und rauchte. „Der Ausblick ist etwas trostlos“, sagte sie. Er gab ihr Recht. „Aber oben“, sagte er, „vom Trockenspeicher aus, kann man bis zur Innenstadt sehen. Kommst du mit hoch? Ich muss noch Wäsche abhängen.“ Sie schüttelte den Kopf, sah nach draußen, schien in Gedanken. Ihr Haar war feucht, das Zimmer roch nach Duschgel; sie sagte, sie habe sich frisch gemacht und ein neues Handtuch von ihm genommen. „Schon o.k.“, sagte er, rückte einen niedrigen Tisch vor die Couch, stellte das Essen darauf, öffnete die Weinflasche und bemerkte: „Weißer hätte besser gepasst.“ „Schon o.k.“, sagte sie und hielt ihm ihr Glas hin, damit er einschenkte. Er holte Teller und Besteck. Bevor sie aßen, sorgte er für ruhige Musik und eine Kerze auf dem Tisch. Sie probierte von allem, er ebenfalls. „Warum sind so viele deiner Bücher eingeschweißt?“, fragte sie und zeigte auf das Regal und die fünfzig Bände einer Sammelreihe, von denen er bestenfalls ein halbes Dutzend gelesen hatte. „Vielleicht stehen sie zum Angeben hier.“ Er wollte widersprechen, doch er schwieg und sagte sich, dass es keinen Grund gab, sich zu rechtfertigen. „Wie groß ist deine Wohnung?“ Er sagte, er wisse es nicht ganz genau. „Fünfzig Quadratmeter?“ „Weniger, vielleicht fünfundvierzig.“ Sie schwieg. „Wieso bist du mitgekommen?“, fragte er. „Weil ich dich mag“, antwortete sie. Sie musterte ihn, ihr Blick wechselte zwischen seinen Augen hin und her; es sah aus, als kontrolliere sie den Ausdruck seines Gesichts, kontrolliere ihn. Er gab ihr einen Kuss, den sie erwiderte, er küsste sie auf die Wange, den Hals, das Ohr, den Mund. Er spürte ihre schlanke Taille, ihren festen Busen, ihren kleinen Bauch. Er zog ihr den Pullover und das T-Shirt aus. „Nicht so schnell“, sagte sie und versuchte, ihn zu bremsen. „Hast du ein Kondom?“ „Weiß nicht, muss nachsehen.“ „Beeil dich“, sagte sie. Er suchte im Bad, in der Küche, im Zimmer, zweifelnd, ob er überhaupt welche besaß. Schließlich entdeckte er zwei kleine schwarze Päckchen, die er vor Wochen von einem Infostand der Aids-Hilfe mitgenommen hatte, extra dicke und reißfeste Kondome, an denen auch das aggressivste Virus scheitern musste. Leider auch das Gefühl. Er kam zurück und legte die kleinen Packungen neben das Sofa.

Sie öffnete seinen Gürtel und Reißverschluss, berührte ihn mit der Hand und tat, als sei sie erstaunt, was passierte. „Nanu?“, fragte sie und blickte ihn an. Ihm war es peinlich: Was vor allem sichtbar wurde, verdiente nicht mehr die Bezeichnung Bauch, sondern Wampe. Wenn er sich weiter gehen ließ, würde bald kein Herankommen mehr sein an all das, was sich nach Berührung sehnte. In solchen Momenten nahm er sich vor, dies gleich am nächsten Tag zu ändern, auf Alkohol zu verzichten, Sport zu treiben, wieder der zu werden, der er einmal gewesen war. Er nahm sich vor, Männer- und Fitnessmagazine im Dutzend einzukaufen, die Anweisungen darin streng zu befolgen (dabei hatte er gerade den Erfolg, den solche Zeitschriften als Lohn für alle Mühen versprechen), oder er kramte die drei Medaillen aus seiner Leichtathletik-, sprich: aus grauer Vorzeit hervor, von denen nicht umsonst die erste golden, die zweite silbern und die dritte bronzen war. Zeugnisse des Abstiegs, Dokumente des Verfalls. Was fand sie an ihm? Sie beugte sich zu ihm, küsste und streichelte ihn, dass er angesteckt wurde von ihrer Lust und seine Komplexe und seine Furcht zu versagen vergaß.

Sie waren laut, Nachbarn hätten sie hören können – hören in dieser ruhigen, etwas langweiligen Wohngegend, mit diesen Menschen, die in ihren Zimmern vor dem Fernseher saßen und das Leben an sich vorbeiziehen ließen. Jedes Mal sah er das gleiche Bild, wenn er aus dem Fenster blickte. Wann, wo und wie oft schliefen sie miteinander? Weder sah er etwas, noch hörte er Geräusche, die auf Lust und Erregung hingedeutet hätten. Hinter den meisten Fenstern sah er alte Leute. Im Haus, das dem Badezimmerfenster seiner Wohnung gegenüber lag, schien niemand unter sechzig zu sein. Frauen versorgten ihre Männer, die im Rollstuhl saßen oder sich mit dem Rollator fortbewegten. Sie schauten zu ihm herüber, als seien die gardinenlosen Fenster seiner Wohnung unanständig – Menschen, deren Tage gleich schienen, die die Vorhänge zurückschlugen, um einen Blick auf die Verderbtheit anderer zu werfen; nichts weiter brauchte er zu tun, als etwas länger als nötig zurückzusehen, und die Schatten verschwanden, die Gardinen fielen wieder in Reih und Glied.

Sie sagte, dass sie rauchen wolle und tastete nach ihrer Handtasche. Er beobachtete sie: Ihren Busen konnte er sehen, während sie sich zurücklehnte, ihre gebräunte Haut, ihre Scham, die Haare an den Seiten nachrasiert, der Beginn dessen, das Courbet in seinem Bild den „Ursprung der Welt“ genannt hatte. Auf der anderen Seite der Straße stand jemand am Fenster und sah in ihre Richtung. Er konnte nicht erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau war, jemand, der beobachtete oder der ins Blaue schaute. Was sah der Fremde? Er zog eine unsichtbare Linie über die Straße hinweg, und beruhigt stellte er fest, dass es nicht viel sein konnte. Der andere hätte aufs Dach klettern müssen, um mehr als ihre Köpfe zu sehen. War es ein Spanner? Siehst du alles, fragte er ihn, ist dein Fernglas scharf genug? Ja, antwortete der Unbekannte. Und, fragte er weiter, was sollen wir als Nächstes machen? Nicht so schnell, sagte der Spanner, ihr habt noch alle Zeit der Welt und ich auch.

Er begleitete sie zum Bahnhof. „Gilt dein Ticket noch?“ Sie zuckte mit den Achseln und sagte: „Ich denke schon.“ „Soll ich dir etwas leihen?“ Sie schüttelte den Kopf, trat unruhig von einem Bein aufs andere, als sehne sie das Eintreffen des Zuges herbei. „Sehen wir uns wieder?“, fragte er. „Wenn der Zufall es will.“ „Wie ist deine Adresse, gibt’s du sie mir?“ „Ich muss darüber nachdenken.“ „Hast du ein Kärtchen? Ich verspreche auch, ich nerve nicht.“ Sie schwieg, und er sah, dass es keinen Sinn hatte, weiter zu fragen. Er bot ihr an, einen Kaffee und etwas zu essen für die Reise zu kaufen. „Einen Kaffee, ja“, sagte sie. Er ging in die Halle zu einem Verkaufsstand und bestellte einen großen Coffee to go, außerdem ein fertig verpacktes Sandwich. Dann fuhr ihr Zug ein. Sie umarmte ihn zum Abschied. „Melde dich, wenn du magst“, sagte er, sie nickte. Er wartete, bis sie einen Platz gefunden hatte und winkte ihr zu. Als die Wagen losfuhren, lief er mit, lief neben dem Zug her, bis dieser zu schnell geworden war. Er stoppte, sah dem Zug nach und kam langsam wieder zu Atem.

Der Bahnsteig leerte sich. Er verließ den Bahnhof und setzte sich in die nächste Kneipe, bestellte ein Bier, nahm einige der ausliegenden Zeitungen und vergrub sich darin. Trotzdem fühlte sich nackt, gleich so, als habe ihm jemand die Deckung weggerissen. Erst nachdem er mehrere Zeitungen durchhatte, glaubte er den Schutz, den sie boten, langsam wiederzugewinnen.